Ein Großer ist gegangen

Das Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg trauert um Prof. Dr. Reinhard Rürup (27. Mai 1934 – 6. April 2018).

Als Reinhard Rürup im Wintersemester 2014 seine Tätigkeit als Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg aufnahm, konnte er auf ein reiches Leben als Wissenschaftler und engagierter Bürger in demokratischer Verantwortung zurückblicken, wobei bei ihm beides unlöslich verschränkt war.

Als Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin von 1975 bis 1999, als Leiter der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ von 1989 bis 2004 und als Mitinitiator des Zentrums für Antisemitismusforschung und des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung hat er nicht nur Universitätsgeschichte geschrieben, sondern maßgeblich zum Projekt Gedenkkultur der Bundesrepublik Deutschland beigetragen, die ohne ihn so nicht existieren würde.

Für die Jüdischen Studien hat er mit seinem 1975 erstmals publizierten Werk Emanzipation und Antisemitismus: Studien zur ‚Judenfrage‘ der bürgerlichen Gesellschaft bahnbrechende Vorarbeiten in methodischer und hermeneutischer Hinsicht geleistet, auf denen Spätere aufbauen konnten und können.

Als er Senior Professor wurde, galt für ihn längst, was ein Bewunderer des Pietisten und Staatsrechtlers Johann Jacob Moser – über den Reinhard Rürup 1962 seine Promotion vorlegte -, gesagt hatte: „Ich dürfe nur denen jungen Leute meine vielerley Schicksalen und Begebenheiten erzählen, so würden sie schon allein daraus mehr nützliches lernen, als aus manchem anderen Collegio.“

Wer nun aber Reinhard Rürup im Gespräch mit Doktorandinnen und Doktoranden des Zentrums erleben durfte, konnte verstehen, was ihm Wissenschaft bedeutete, nämlich eine Lebensform. Sein immenses Wissen, seine Vorbereitung für jedes Gespräch, seine Präzision in der Fragestellung und seine produktive Kritik waren Kennzeichen im Umgang mit allen, denen an der gemeinsamen Sache lag. So lernten letztlich alle am Zentrum von ihm, der wie kaum ein anderer die Kunst der Freundlichkeit beherrschte. Am 6. April 2018 starb einer der großen Historiker; für uns am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg gilt zugleich: Ein Freund ist von uns gegangen.