Vortrag

Der Blick nach innen.

Literarische Repräsentationen des jüdischen Ghettos im 19. und 20. Jahrhundert

Prof. Dr. Gabriele von Glasenapp
Universität zu Köln

Der Vortrag beschäftigt sich aus gattungsgeschichtlicher Perspektive mit dem Phänomen der sog. Ghettoliteratur, ein von jüdischen Autoren geschaffener Sammelbegriff für ein Textkorpus, das überwiegend aus im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstandenen kürzeren realistischen Erzählungen besteht. Sehr schnell avancieren sie zu einer der erfolgreichsten Gattungen der deutsch-jüdischen Literatur. Analog zur Etymologie des Wortes ‚Ghetto’, mit dem ein gesondertes Wohnviertel bzw. ein der jüdischen Minderheit zugewiesenes Areal bezeichnet wird, umfasst auch der Stoff der Ghettoerzählungen im expliziten oder übertragenen Sinn das komplexe Verhältnis zwischen jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheitsgesellschaft, wobei der erzählte Raum zumeist als eine eindeutig begrenzte, überschaubare Einheit erscheint.

Zu den zentralen Merkmalen von Ghettoliteratur zählt, ungeachtet ihres Erfolgs bei jüdischen wie nichtjüdischen Lesern, dass sie als genuine Gattung der jüdischen Literatur bezeichnet werden muss, zu der es in der nichtjüdischen Literatur kein Pendant gibt.

Im Zentrum des Vortrages stehen daher die Spezifika der Gattung, die aus drei Perspektiven betrachtet werden sollen: in einem diachronen, sodann in einem systematischen Überblick und zuletzt im Hinblick auf den transkulturellen Charakter der Erzählungen, der sich zum einen in einer Vielzahl von Übersetzungen, des Weiteren jedoch auch auf inhaltlicher Ebene vor allem in der literarischen Repräsentation neuer und im engeren Sinne des Wortes transnationaler Kulturlandschaften manifestiert.