Tagung

Juden und ihre Nachbarn

Wissenschaft des Judentums im Kontext von Diaspora und Migration

Plakat_V. Jahrestagung Selma Sern ZentrumKerstin Schoor / Annette Werberger (Europa-Universität Viadrina/ZJS)
Werner Treß (Moses Mendelssohn Zentrum/ZJS)

„Aber darum bleibt es nicht minder wahr, daß jede Wissenschaft nicht bloß auf andere Wissenschaften, sondern auch auf das Leben den bedeutendsten Einfluß übt, was dann auch von der Wissenschaft des Judenthums gar leicht nachzuweisen seyn wird.“ Immanuel Wolf: Ueber den Begriff einer Wissenschaft des Judenthums (1822)

Nachdem im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert Bestrebungen jüdischer Intellektueller, eine sich im Kontext der Moderne um 1818/19 entwickelnde Wissenschaſt des Judentums in Gestalt einer inneruniversitären Einrichtung zu etablieren, am deutschen Antisemitismus der Zeit gescheitert waren, hinterließen Vertreibung und Genozid im jüdischen Leben Deutschlands schließlich eine nicht zu schließende Leerstelle auch im akademischen Leben. Dabei war die Herausbildung einer jüdischen Wissenschaſtsbewegung, die von der Haskala des späten 18. Jahrhunderts ihren Ausgang nahm und sich im 19. Jahrhundert in der Wissenschaſt des Judentums wie in den Aktivitäten der Berliner Hochschule manifestierte, in vielfacher Hinsicht mit einer allgemeinen Transformation der Wissensordnung verknüpſt, die ihren Impuls von der Aufklärung erfahren hatte und die sich im 19. Jahrhundert an den europäischen Universitäten und in anderen Einrichtungen vollzog. Sie fand schließlich im gesamten Spektrum sowohl der traditionellen als auch der neu entstehenden Wissenschaſtsdisziplinen sowie in Literatur und Kunst vielfältigen Ausdruck.
 Unter Berücksichtigung der aktuell diskutierten Fragen zur Entwicklung der Wissenschaſt des Judentums und ihrer Wirkungen in der Wissens – und Wissenschaſtsgeschichte, in Literatur und Kunst bis in die Jüdischen Studien der Gegenwart befasst sich die Tagung „Juden und ihre Nachbarn. Wissenschaſt des Judentums im Kontext von Diaspora und Migration“ mit der Wahrnehmung dieser Entwicklungen aus der Perspektive von Diaspora und Migrationsprozessen in Mittel – und Osteuropa. Dabei sollen die häufig auf prozessuale Vorgänge von Differenzerfahrung gerichteten Begriffe von ‚Diaspora‘ und ‚Migration‘, mit dem theoretischen Konzept der ‚Nachbarschaſt‘ für die Untersuchungvon Gemeinsamkeiten in den unterschiedlichen Kulturen Mittel-und Osteuropas kombiniert werden. Die Suche nach differenten „Ähnlichkeiten“ und den normativen Kontexten eines geteilten Alltags und einer gemeinsam gestalteten oder neu erfahrenen Lebenswelt soll den Blick deutlicher auf Parallelen und Analogien in Wissensentwicklung, Kunst und Literatur lenken und diese bisherigen Forschungen zu Differenzerfahrungen und Kulturkonflikt zur Seite stellen. Auf diese Weise sollen schließlich am Beispiel der Entwicklung der Wissenschaſt des Judentums und deren weitreichender Wirkungen die vielfältigen Elemente einer gemeinsamen, verflochtenen Geschichte der jüdischen und nicht-jüdischen Kulturen Europas offengelegt werden.
Das Programm der Tagung finden Sie hier.