Konferenz

200 Jahre Hamburger Israelitischer Tempel:

Perspektiven auf die religiöse Pluralisierung der Juden

“Die jüdische Aufklärung Haskala bezeichnete ein Erziehungsprojekt, in dem auch Kritik an der eigenen religiösen Überlieferung sowie den Formen praktischer Frömmigkeit zur Sprache kam. Eine konkrete Modernisierung des Kultus und der übrigen religiösen Praxis nahm jedoch erst im 19. Jahrhundert ihren Verlauf, als die deutschen Juden begannen, nach bürgerlichen Ausdrucksformen ihrer Religiosität zu suchen. In Hamburg gelang es, die religiöse Reform institutionell erstmals dauerhaft zu verankern. Am 11. Dezember 1817 unterzeichneten jüdische Angehörige der gehobenen Mittelschicht die Gründungsurkunde des Neuen Israelitischen Tempelvereins, der sich als private Assoziation neben der Gemeinde konstituierte.

Vor allem seit den 1830er-Jahren begann sich die religiöse Reform auch in anderen deutschen Synagogengemeinden einen Weg zu bahnen. Um 1850 setzte sich das religiöse Spektrum bereits aus unterschiedlichen orthodoxen und progressiven ‚Denominationen‘ zusammen: Neben einer „Alt-Orthodoxie“, die wegen ihrer Emanzipations- und Assimilationsskepsis schnell an Bedeutung verlor, formierte sich eine „Neo-Orthodoxie“, die ihre Treue zum Religionsgesetz mit einem Bekenntnis zur europäischen Kultur verband. Andererseits existierten mehr oder weniger radikale Spielarten des Reformjudentums, das die jüdische Tradition der historischen Kritik unterwarf und sowohl Glaubensvorstellungen als auch Glaubenspraxis an den kulturellen und sozialen Parametern der nichtjüdischen Umwelt maß. Zwischen Reform und Orthodoxie positionierte sich zudem eine gemäßigt konservative Strömung, bei der sich das Bekenntnis zu einer geschichtlich gewachsenen Überlieferung mit dem Glauben an einen Offenbarungskern des Judentums verband.

In anderen europäischen Ländern (und später auch in den USA) setzte während des 19. Jahrhunderts ebenfalls ein religiöser Wandel ein, der sich auch inspiriert von den Entwicklungen in den deutsch-jüdischen Kultusgemeinden vollzog. Deutschland, in der Mitte Europas gelegen, entwickelte sich zum Zentrum des modernen religiösen Judentums, das einen quasi globalen Einfluss ausübte. Allerdings waren die jüdischen Gemeinden des Auslands weit davon entfernt, das deutsche Modell lediglich nachzuahmen. Vielmehr entwickelten sich in unterschiedlichen nationalen Kontexten wiederum unterschiedliche Varianten progressiver Religiosität, die der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Realität Rechnung trugen.

Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden und das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam möchten das 2017 anstehende Jubiläum des Hamburger Reformtempels aufgreifen und die Gesamtentwicklung der religiösen Pluralisierung während der vergangenen zwei Jahrhunderte in den Blick rücken. Zu diesem Zweck richten das IGdJ und das AGK – in Kooperation mit der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts sowie der Union progressiver Juden in Deutschland – eine Konferenz aus, die Fragen der religiösen Identität im historischen Kontext in den Vordergrund stellt. Die Konferenz führt eine Reihe von namhaften Expertinnen und Experten zusammen, die am 10. und 11. Dezember 2017 in den Räumen der ehemaligen Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg tagen werden. Ausgehend von Hamburg soll zunächst der geographische Raum des späteren Deutschen Kaiserreichs im Mittelpunkt der Tagung stehen, darüber hinaus sollen sich die Sektionen aber auch anderen europäischen und außereuropäischen Regionen zuwenden. Dabei soll es darum gehen, die religiösen Pluralisierungsprozesse und die Entwicklung der progressiven Strömungen im Judentum epochenübergreifend bis in die Gegenwart zu beleuchten. Die Tagung soll mithin dazu beitragen, das Phänomen einer religiösen Vielsprachigkeit der jüdischen Gemeinden weltweit auszuloten und komparativ zu diskutieren.”