Jüdische Studien

Im Prozess der Modernisierung und der innerjüdischen Haskala (Aufklärung) haben sich die Jüdischen Wissenschaften von der rein theologischen Ausbildung immer weiter in Fächer wie die Philosophie, die Literaturwissenschaften, die Geschichte, die Kunst- und Kulturwissenschaften verlagert. Der Prozess führte im 19. Jahrhundert zur Entstehung der ‚Wissenschaft des Judentums’, die vor allem in Berlin ein breites Spektrum an jüdischer Gelehrsamkeit schuf. Wegen des – auch in der Wissenschaft verbreiteten – Antisemitismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik fand die ‚Wissenschaft des Judentums’ jedoch keinen Zugang zur deutschen Hochschule. Rückblickend ist freilich zu erkennen, wie bedeutend die jüdischen Anteile an der deutschen Kultur und Wissenschaft waren und sind. Insofern implizieren die ‚Jüdischen Studien’ auch die Erforschung deutscher geistiger und kultureller Erbschaften. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Texte und Fragestellungen aus dem Bereich der ‚Jüdischen Studien’ heute zu einem Teil des Kanons vieler Fächer geworden sind. 

Im Vordergrund der Fragestellungen steht die Erforschung der Partizipation und Transkulturalität des Judentums vor allem im Kontext europäischer Kultur, beginnend mit ihrer Ausprägung in der Spätantike. Unter Berücksichtigung der religiösen Dimensionen des europäischen Judentums, zu denen die religiöse Lehre und die Praxis, mithin auch die religiöse jüdische Literatur gehören, wird sich in den jeweiligen Untersuchungs-zusammenhängen die Vielfalt des europäischen Judentums in verschiedenen religiösen und säkularen Ausprägungen aufzeigen lassen. Durch eine synchrone, diachrone und zugleich inter- und transdisziplinäre Betrachtung erschließt sich nicht nur der kulturelle und religiöse Reichtum des Judentums, sondern es steht zu erwarten, dass die jeweiligen wissenschaftlichen Methoden im Vollzug dieser Forschungen geschärft und inhaltlich erweitert werden. Durch die Beteiligung von Einrichtungen, die eine jüdische Theologie und Philosophie des Judentums vertreten, werden eine Bereicherung und ein Transfer stattfinden, von dem alle wissenschaftlichen Einrichtungen profitieren. Das Zentrum wird neben der Nachwuchsförderung, seinen Forschungsergebnissen und der Verstärkung der Internationalität Jüdischer Studien in Deutschland zugleich einen bedeutenden Beitrag zur inhaltlichen und institutionellen Neukonzeption von Studien zu Religionen leisten, indem diese Ergebnisse in den Diskurs verschiedenster Disziplinen eingebracht werden.

In allen Disziplinen und Einrichtungen, in denen heute Jüdische Studien betrieben werden, ist in den letzten Jahren eine Verschiebung des gesamtgesellschaftlichen Interesses spürbar geworden: Galt bis in die 1980er Jahre das Interesse vor allem dem Dialog zwischen Judentum und Christentum, so richtete es sich seit den 1990ern auf das Verhältnis der drei großen monotheistischen Religionen untereinander. Deshalb wird das ZJS nicht nur judentumsbezogene Institutionen vernetzen, sondern bei der Wahl der Themen und der Partner auch die interreligiöse Perspektive einbeziehen.

(Auszug aus dem Antrag zur Einrichtung des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg)