Forschungsbereich:

Das Monotheistische Dreieck

„Menschen und Gemeinschaften, Völker und Religionen sollen einander verstehen. Sie sollen nicht gleich werden, und sie können nicht gleich werden. Sie sollen aber einander verstehen. Verstehen bedeutet zugleich, voreinander Respekt zu haben, und vor dem anderen kann nur der Respekt haben, der vor sich selber Respekt hat.“ (Leo Baeck) [1]

Über die pluridisziplinäre Erforschung der 200jährigen Wissenschaftsgeschichte der Jüdischen Studien hinaus wird es die zentrale systematische Fragestellung des Zentrums sein, anhand der Wissenschaft des Judentums exemplarisch die Ausformungen und Methoden von religiösen und religiös geprägten Traditionen in ihren je eigenen historischen Kontexten in den modernen Wissenschaftsdisziplinen zu untersuchen. Neben der Wissenschaft des Judentums rücken damit seit dem 19. Jahrhundert die Entwicklung der christlichen Theologien, insbesondere die historisch-kritische Exegese heiliger Texte, die erstmalige Ausbildung einer Jüdischen Theologie, und vor allem die Entstehung der modernen Islamwissenschaft in Deutschland in den Fokus des Zentrums.Die wechselvolle Geschichte der drei großen monotheistischen Religionen und ihres Verhältnisses zueinander war seit jeher Anlass inner- wie interreligiöser wissenschaftlicher Diskurse, die auf der Höhe der Zeit ausgetragen und im Laufe der Geschichte rezipiert und weiterentwickelt wurden. Fragen der Religiosität und Inkulturation, der Identität und Abgrenzung, der direkten Partizipation und indirekten Einflussnahme des Judentums stellen sich nicht erst mit der modernen Wissenschaft, sondern sind bedingt durch die Sonderheit des Monotheismus seit der Antike präsent und wurden in unterschiedlicher Weise mittels zeitgenössischer wissenschaftlicher Methoden diskutiert und beantwortet.In der Antike fokussierte sich der Diskurs zum einen auf die Frage des Monotheismus und der daraus resultierenden Konsequenzen in einer polytheistisch-geprägten Umwelt zum anderen mit dem Aufkommen des Christentums in Identitäts- und Abgrenzungsbemühungen sowie der Deutungshoheit der gemeinsam geglaubten Heiligen Schrift des Alten Testamentes. Mit der Entstehung und Ausbreitung des Islam erweiterte sich der Kreis der monotheistischen Religionen und gab Anlass zu erneuten Verhältnisbestimmungen und Abgrenzungstendenzen. Im Mittelalter fanden unterschiedliche historische Entwicklungen wie die Kreuzzüge und die Reformation, aber auch Erfindungen wie der (hebräische) Buchdruck und die Einrichtung von Hebräischlehrstühlen an katholischen und protestantischen Universitäten ihren Niederschlag im Diskurs der monotheistischen Religionen. Mit der frühen Neuzeit setzte dann eine verstärkte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Judentum ein, die nun auch von Seiten der jüdischen Gelehrten aufgegriffen wurde. Diese Entwicklung wurde durch mehrere Faktoren befördert, wie der Präsenz christlicher und jüdischer Gelehrter an den Höfen der Landesfürsten und der sich ausbreitenden Idee der Aufklärung, in deren Rahmen es vielerorts zum interkulturellen Dialog zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten kam.Aus der einst christlichen motivierten Beschäftigung mit dem Judentum und der zunehmenden Emanzipation der Juden in der Zeit der Aufklärung bzw. der jüdischen Haskala entwickelte sich in der Neuzeit auch eine spezifisch jüdisch motivierte Wissenschaft des Judentums, in der die Erforschung der Religion, der Geschichte, der Sprache und der Literatur der Juden durch Juden im Mittelpunkt stand. Aufgrund der zunehmenden Pluralisierung und Globalisierung sowie in der Weiterentwicklung der jüdischen Studien und der christlichen Theologien entstand im 19. und 20. Jahrhundert die Notwendigkeit der verstärkten interreligiösen Auseinandersetzung und des Dialogs, der seitdem von wissenschaftlicher Seite begleitet, befördert und kommentiert wird. In den 1960er Jahren wurden im Zuge dessen an mehreren Universitäten in Deutschland eigene Institute für Judaistik eingerichtet, in denen spezifisch jüdische Studien parallel zu den christlichen Theologien bearbeitet werden.Schon im 19. Jahrhundert leisteten führende Vertreter der Wissenschaft des Judentums wie Steinschneider, Geiger, Goldzieher oder Joel Beiträge zur Entstehung der modernen Islamwissenschaft und waren führende Vertreter der Islamwissenschaft deutsche oder in Deutschland ausgebildete Juden. Der Islam war von Anfang an Gegenstand der Wissenschaft des Judentums, das galt insbesondere für die islamisch-jüdischen Beziehungen im Mittelalter. Diese Beziehungen waren historisch, religionswissenschaftlich und politisch der Vergleichsgegenstand, ein Gegengewicht und jene Kontrastfolie zu den permanenten Auseinandersetzungen der Wissenschaft des Judentums mit der christlichen Theologie, dem geschichtlichen christlichen Antijudaismus und dem aktuellen Antisemitismus als Wissenschaftskontext im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts. Die genannten Entwicklungen weisen eine je eigene vorausgehende oder auch begleitende wissenschaftliche Argumentation auf und bieten gleichzeitig Anlass zu weiteren interdisziplinären Fragestellungen in der modernen Forschung. Zusammen mit den je spezifischen Untersuchungsfeldern der Judaistik und christlichen Theologien an FU, UP und HU sowie den Forschungsschwerpunkten vor allem an der TU und der FU zu den Kulturen des Islam, der modernisierten ethnologischen und kulturwissenschaftlichen Forschung an der HU, den religionswissenschaftlichen Schwerpunkten der UP, den historischen Untersuchungsfeldern der FU sowie den Schwerpunkten im Wissenschaftskolleg und den entsprechenden Institutionen in Berlin (Haus der Kulturen der Welt) besteht mit der Etablierung des Zentrums Jüdische Studien die konkrete Chance zu einem solchen Dialog der Kulturen und Religionen.

Auch für diesen Themenschwerpunkt erweist sich die Region Berlin/Brandenburg als ein idealer Ort: historisch wie aktuell. Gehörten im 19. Jahrhundert viele jüdische Gelehrte zu den Initiatoren der neu entstehenden Islamwissenschaften, so umfasst die Region heute nicht nur die größte jüdische Gemeinde, sondern auch die meisten muslimischen Vereinigungen Deutschlands.

 

Ausgangsperspektive: (Inter-)Religiosität und (Trans-)Kulturalität

Politische Forderungen nach einem Dialog der Religionen stellen eine vielfach formulierte Prämisse dar, die das gegenwärtige und zukünftige Miteinander unterschiedlicher sozialer Gruppen, Gesellschaften und Staaten in einer zunehmend globalisierten Welt garantieren soll. Zahlreiche politische und religiöse Einrichtungen haben sich dem interreligiösen Dialog verschrieben, der als jüdisch-christlicher, jüdisch-islamischer und christlich-islamischer oder auch als jüdisch-christlich-islamischer Dialog zwischen den drei großen monotheistischen Religionen geführt wird und zugleich auf vielfältige Weise Fragen der kulturellen Identität berührt.

Im ZJS sollen die wechselwirksamen Zusammenhänge von (Inter-) Religiosität und (Trans-) Kulturalität der drei Religionen historisch wie gegenwartsbezogen ebenso wie theologisch in inter- und transdisziplinärer Ausrichtung näher untersucht werden. Dabei werden die drei großen monotheistischen Religionen im weitesten Sinne als kulturprägende Phänomene verstanden. Das Erkenntnisinteresse kreist hiernach nicht ausschließlich um Interaktionen und Wechselwirkungen von Judentum, Christentum und Islam als erklärt religiösen Gruppenformationen, sondern um die Interaktion von Gruppen mit jüdischer, christlicher und islamischer kultureller Identität. Der religiöse Faktor wird dabei als Teil kultureller Identität gesehen, der zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Territorien mehr oder minder stark ausgeprägt sein kann. Dies erfordert zudem theologische Untersuchungsansätze der einzelnen Religionen wie auch des Monotheismus allgemein, mittels derer Kriterien der Vergleichbarkeit aufgestellt werden können, die wiederum Grundlage weiterführender Untersuchungen sind. Sofern nicht die religiöse Dimension der Partner formuliert und differenziert wird, ist ein interreligiöses Gespräch nicht möglich. Gerade die Erarbeitung der Kriterien für komparative Untersuchungen im Feld der Theologie wird ein bedeutender Gewinn für den interreligiösen Dialog sein.

Darüber hinaus sollen die sozio-kulturellen und sozio-politischen Interaktionsweisen monotheistisch-kulturell geprägter Gruppen, ihr Spektrum zwischen Separation, Inkulturation und Konfrontation[2], ihre Mechanismen, Ausprägungen und Wirkungen sowie damit verbundene Selbst- und Fremdbildkonstruktionen theoretisch und diachronisch umfassend erforscht werden. Dabei ist auch das Wechselverhältnis von ‚Inkulturation’ und ‚Konfrontation’ nicht allein aus dem Primat der Religion als Forschungsgegenstand zu erbringen, sondern bedarf darüber hinaus des Rekurses auf die im Verlauf der Jahrhunderte säkularisierten Sedimente und Verkapselungen kultureller Identität. Zugleich wird die Herausbildung kultureller Identität in ihrer jeweiligen historischen Genese und Wandelbarkeit selbst zum Untersuchungsgegenstand und in ihren hegemonialen Normierungslogiken zu hinterfragen sein. Entgegen essentialistischen Auffassungen, die von einer weitgehend statischen und homogenen Entsprechung kultureller und religiöser Identitäten ausgehen (bspw. die Vereinheitlichung Europas als christliches Abendland, die normative Gleichsetzung von Deutschsein und Christlichsein, die Rede von (christlicher) ‚Leitkultur’ und vom ‚Kampf der Kulturen’) sollen also gerade auch jene vermeintlich widersprüchlichen interreligiösen und transkulturellen Verbindungslinien und Wechselwirkungen fokussiert werden, die im Zuge hegemonialer Identitätskonzepte, Gemeinschaftsbilder und Geschichtserzählungen zugunsten kultureller und nationaler Ursprungs-, Einheits- und Reinheitsmythen kulturhistorisch verdrängt wurden und zeitgenössisch marginalisiert werden.

Vor diesem Hintergrund wird den unterschiedlichen sozio-kulturellen, sozio-politischen und religiös-motivierten Selbst- und Fremdbildkonstruktionen in ihren jeweiligen historischen Kontexten nachgegangen. Historiographisch konzentriert sich das ZJS auf den (west-) europäischen und insbesondere den deutschsprachigen Kontext und auf vier zeitliche Blöcke: a) Antike, b) Mittelalter und Frühe Neuzeit, c) 19. Jahrhundert, d) die Folgezeit seit 1945. Die Analyse jeweiliger historischer Spezifika ermöglicht auf übergeordneter Ebene zugleich historisch vergleichende Perspektiven, welche die Frage nach Verbindungslinien und Brüchen zwischen religiösen und säkularen Gemeinschaftsbildungen, zwischen religiösem und säkularem Weltbild, zwischen Prä-Moderne, Moderne und Postmoderne sowie ihren Übergängen einschließen. Quer zu den vier zeitlichen Epochen sind fünf Themenblöcke leitgebend: a) Religion als Teilbestand kultureller Identität; b) Religion als Kulturform/Religionskultur; c) Religion als säkularisiertes Sediment kultureller Identität; d) Religion als homogenisiertes Entsprechungsmerkmal von Kultur; e) Kulturalisierung von Religion. Mit diesen wird das ZJS den Wechselverhältnissen zwischen (Inter-) Religiosität und (Trans-) Kulturalität, zwischen religiöser und kultureller Identität, Selbst- und Fremdbildkonstruktion, Inkulturation und Konfrontation nachgehen.

Thematische Auffächerung in:

  1. Selbstwahrnehmung und Binnendifferenzierung religiöser Gemeinschaften
  2. Rezeption, Typenbildung und Funktionalisierung gemeinsamer biblischer Gestalten
  3. Wandlung der Erwartungen an religiöse Amtsträger
  4. Religion als Kulturform und Kulturalisierung von Religion
  5. Historische und aktuelle Verbindungen und Konflikte: Antisemitismus, Anti-Christianismus, Anti-Islamismus

 

Im Zentrum werden die benannten Themenschwerpunkte in inter- und transdisziplinärer Weise untersucht. Als beteiligte Disziplinen kommen dabei in Frage: Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, Kulturwissenschaften (Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Archäologie, Medienwissenschaft), Katholische und Protestantische Theologie, Judaistik, Islamwissenschaften, Arabistik, Literaturwissenschaften, Politik- und Sozialwissenschaften und Ethnologie. Die aktuelle gesellschaftspolitische Relevanz des Themas zeigt sich anschaulich in den politischen Appellen zum ‚interreligiösen Dialog’ einerseits und der nach wie vor präsenten Beschwörung des ‚Kampfes der Kulturen’ andererseits. Politische Forderungen nach einem Dialog der Religionen stellen eine vielfach formulierte Prämisse dar, die das gegenwärtige und zukünftige Miteinander unterschiedlicher sozialer Gruppen, Gesellschaften und Staaten in einer zunehmend globalisierten Welt garantieren soll.

Indem das ZJS die Entstehung von Fremdbildern und Abgrenzungsmechanismen erforscht, schafft es andererseits auch die Voraussetzungen dafür, über das Verbindende und die Möglichkeiten des Dialogs zu reflektieren. Die drei Religionen haben eine lange, gemeinsame Geschichte: Alle drei entstanden im östlichen Mittelmeerraum; alle drei basieren auf alphabetischen Schriftsystemen; alle drei berufen sich auf Heilige Schriften, von denen die späteren Bezug zu den vorangegangenen nehmen; und alle drei haben immer wieder in intensivem Austausch gestanden, der oft, aber nicht immer konfrontativ war. Die jeweiligen Gemeinschaften haben von einander ‚gelernt’, Traditionen und Sitten übernommen. Das galt schon theologisch für manche Epochen, aber es gilt auch, seitdem Religionen zu kulturellen Phänomenen geworden sind oder als solche betrachtet werden. Durch die Diaspora und das intensive Zusammenleben mit Christen und Moslems hat sich gerade für das Judentum ein intensiver kultureller Austausch ergeben, der nicht zuletzt in der Entstehung der Haskala ihren Ausdruck fand. Diesem Austausch und seinen unterschiedlichen Auswirkungen will das Zentrum Jüdische Studien nachgehen. Dies bietet unter anderem einen Schlüssel, um den Übergang von Religion zu Kultur zu analysieren.

 


[1] Leo Baeck, Werke, Gütersloh 2005, Bd. 5, S. 488 f.

[2] Konfrontationen werden hier keinesfalls nur als vermeidbare Verständigungsdefekte verstanden, sondern als gemeinschaftsstabilisierende Effekte. Wo Gruppen einander konsequent ablehnen, können sie Ablehnungserwartungen aufbauen. Zwar bleiben die normativen Erwartungen an die anderen bestehen (Konsens), diese sind aber von den kommunikativen Erwartungen (abgelehnt zu werden) zu unterscheiden. Konfrontation ergibt sich, wo beides zusammen besteht.