Rezeption, Typenbildung und Funktionalisierung gemeinsamer biblischer Gestalten

Religionen sind keine Personen, die sich verstehen, sondern Systeme, die sich begrenzen und beobachten. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass religionswissenschaftlicher Vergleich unmittelbar zu interreligiösem Verstehen führt. Der Großteil der Theorie des Religionsgesprächs vollzieht sich in interpersonalen Kategorien, weil er über Gelingen bzw. Misslingen der persönlichen Begegnung von Religionsvertretern reflektiert, damit aber den Dialog vom Einigungswillen der Beteiligten abhängig macht. Ein anderer Teil untersucht die Eigenlogik der Religionen und kommt zu dem Schluss, dass diese sich entweder nur über religionswissenschaftliche Metasprachen verständigen können oder auf Praktisches, meist auf Schnittmengen-Ethiken, ausweichen sollen. Im Rahmen dieses Themenschwerpunktes des Zentrums kann ein dritter Weg gegangen werden, indem der Bereich der religiösen Medien zwischen Interaktion und Codierung, bzw. zwischen faktischen Religionsgesprächen und den abstrakten Religionslogiken untersucht wird.

Über die Gestalten sind die drei Religionen geeint, über deren Auslegung getrennt. In allen drei Religionen und deren Teiltraditionen sollen zunächst die Nähe/Entfernung zum biblischen Text und der Variationsgrad bestimmt werden. Diese Differentialanalyse wird möglich, wenn die Hebräische Bibel als gemeinsamer Referenztext aller drei Religionen gesetzt wird. Materialgegenstand sind die 23 Namen tragenden Gestalten der Hebräischen Bibel, die auch im Neuen Testament und im Koran erwähnt werden. In einem ersten Zugang sollen Materialien und Rezeptionen (auch liturgische und brauchtümliche) innerhalb der jeweiligen Religion gesichtet und gruppiert werden. Erstes Ziel ist die Abgrenzung einer Gestalt und die Beschreibung ihrer Verzweigung in bzw. ihrer Verschmelzung mit Teilgestalten sowie ihrer unterschiedlichen Darstellung in intrareligiösen Traditionen (z.B. sunnitisch, schiitisch) vor dem Hintergrund ihrer Stellung in der Hebräischen Bibel. Sodann werden die Arten der Typologisierung interreligiös verglichen. An jeder Figur werden sich theologische Schwerpunkte zeigen, die in den Religionen möglicherweise an anderen Figuren behandelt werden (z.B. Thema Gewalt bei Kain, Thema Erwählung bei Noah). Dabei wird gezielt nach der Verwendung einer Figur als identity-marker bzw. als Symbol der Abgrenzung von konkurrierenden Traditionen gesucht und anhand von funktionalen Gesichtspunkten wie z.B. Exemplarität-Exzeptionalität, Partikularisierung-Universalisierung verglichen.

Doch auch Gestalten des Neuen Testamentes und des Korans, insbesondere Jesus und Mohammed finden Niederschlag im Diskurs der drei monotheistischen Religionen. Hier stellt sich vor allem die Frage nach deren Wahrheitsanspruch und Autorität, die wiederum eng an die Frage der Rolle der Propheten geknüpft ist.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Prozesse der Integration und Exklusion in staatlichen Institutionen, Unternehmen, Vereinen und berufsständischen Verbänden
    2. Siedeln und Wohnen zwischen sozialer Stadtplanung und Ghettoisierung
    3. Bibliotheks- und Buchkulturen
    4. Judentum, Christentum und Islam in ikonografischer und medialer Perspektive
    5. Selbst- und Fremdbilder in der Literatur
    6. Religion als Marker kultureller Differenz und sozialer Missstände
    7. Fundamentalistische Strömungen in den drei monotheistischen Religionen
    8. Definitionen von Aufklärung in den drei monotheistischen Religionen