Selbstwahrnehmung und Binnendifferenzierung religiöser Gemeinschaften

In der okzidentalen Moderne sind die drei monotheistischen Religionen Teile eines umfassenderen Globalisierungsprozesses geworden. Die aktuell geläufige Rede von kompakten ‚Weltreligionen’ verschleiert dabei indes die historische und theologische Vielfältigkeit von Judentum, Christentum und Islam. Alle drei Religionen stehen vor der Herausforderung, ihre Wissensbestände zu tradieren und sie gleichzeitig für Anwendungen offen zu halten bzw. gegen Zweifel zu stabilisieren. Wenn aber Rationalitätsstandards der säkularen Umwelt oder anderer Religionen Anwendung finden, kann dies zur Selbstverunsicherung führen. Im ZJS soll untersucht werden, in welchen Gegenstandsbereichen die Gefahr ‚kognitiver Kontamination’ empfunden und wie sie zu verhindern versucht wird. Vor diesem Hintergrund geht dieser Themenblock der Leitfrage nach, welche Funktion Selbst- und Fremdtypisierungen an bestimmten Punkten der Religionsgeschichte erfüllen, um die ständig entstehende Binnendifferenzierung (jüdische Frömmigkeiten, christliche Konfessionen, islamische Rechtsschulen) zu kontrollieren. Dies geschieht in der Absicht, das religiöse Selbstverständnis zu hinterfragen, es handle sich dabei um nachträgliche, nachrangige Disziplinierungen. Vielmehr soll dem Verdacht nachgegangen werden, dass Außendifferenzierungen Einheitsfiktionen hervorbringen. Führen beispielsweise die zunehmenden Berührungsflächen mit Nicht-Christen dazu, dass christliche Konfessionen sich als „Christentum“ und damit zeitgleich als Mitglieder desselben Kulturkreises verstehen? Zu welchen Anlässen und mit welchen Argumenten beginnt eine religiöse Gemeinschaft, ‚die Anderen’ in Anderskonfessionelle, Andersreligiöse und diese wiederum von Nichtreligiösen zu unterscheiden? Wie hängen Rigorismus und der Verzicht auf diese Unterscheidungen zusammen? Welche religions- und kulturgeschichtlichen, religionssoziologischen und sozialpolitischen Bedingungen lassen sich dafür jeweils ausmachen?

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Schriftglaube und Glaubensschriften
    2. Geschlechtssymbolik, soziales Geschlecht und Geschlechterkonstruktionen
    3. Konvertiten als ‚Zwischengruppe’
    4. Die Entwicklung der Literarisierung
    5. Voll- und Halbidentifikation. Das Verhältnis von Entscheidungs- und Kulturreligiösität im modernen Judentum und Christentum
    6. Vergleich von Indikatoren für religiöse Devianz