Historische und aktuelle Verbindungen und Konflikte: Antisemitismus, Anti-Christianismus, Anti-Islamismus

Dieser Themenblock schließt an rassismuskritische Reflexionen zur Kulturalisierung von Religion an, konzentriert sich jedoch vor allem auf mögliche Verbindungslinien antisemitischer und islamophober Wissensbestände und Wirkungsweisen. Dabei sollen sowohl rassismustheoretische als auch empirisch orientierte Untersuchungen zum Tragen kommen. Der Fokus zu Selbst- und Fremdbildern wird hier zudem inhaltlich erweitert, indem konkret nach interdependenten Verhältnissetzungen von Religion, Kultur, Nation, ‚Rasse’ und ‚Ethnie’ gefragt werden soll. Damit verbunden sind Themensetzungen, die um Fragen der Säkularisierung von Religion im Sinne ihrer Kulturalisierung, Rassisierung und/oder Nationalisierung kreisen und Religion als Schnittstelle säkularer Differenzdiskurse reflektieren. Analysen zu Verbindungslinien zwischen Antisemitismus und Anti-Islamismus können sich dabei sowohl auf parallele, historisch kontingente Konstruktionsmechanismen und Stereotypisierungen beziehen als auch auf verbindende Elemente, die wechselseitige Bezüge zwischen Geschichte und Gegenwart betreffen (etwa Relationen zwischen historischem Antijudaismus und Antisemitismus und zeitgenössischem Anti-Moslemismus). In diesen Kontext gehören Fragen nach den historischen und aktuellen Spezifika und Parallelen antisemitischer und islamophober Konstruktionen, nach ‚Neo-Rassismus’ als Ablösung historischer Rassendiskurse, nach Geschlechterkonstruktion und Sexualitätsdiskursen, etc. Gegenüber der Betonung und Fokussierung monotheistisch geprägter Kulturgruppen geht es auf der Ebene rassismustheoretischer Reflexionen zu Religion als ‚Differenzkultur’ wie oben bereits angedeutet gerade darum, Setzungen kultureller Differenz zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund sind kontextuell ggf. auch (negativierte wie positivierte) Konstruktionen von (religiös markierter) ‚Interkulturalität’ als Reproduktion von „Fremdgruppenzuschreibung“[1] sowie Prozesse der „Religionisierung“[2] sozialpolitischer und sozio-ökonomischer Konflikte kritisch zu beleuchten. Die übergreifende Frage nach Verbindungslinien zwischen Antisemitismus und Anti-Islamismus soll dabei einerseits die Spezifik okzidentalistischer und jeweiliger national(istisch)er Subjekt- und Gemeinschaftskonstruktionen untersuchen, andererseits aber auch mögliche transnationale und transkulturelle Aspekte rassistischer Kategorienbildungen aufzeigen, die sich um Religion als (kulturübergreifendem) Gruppenmarker zentrieren.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Narrationen des Scheiterns: Gefahrenszenarien von Religion als ‚Fremdkultur’
    2. Kontroversmodell als Typus der rekonstruierenden Religionsgeschichte
    3. Interreligiosität als Interkulturalität? Kritische Anfragen an Konzepte kultureller Differenz
    4. Religiöser Antisemitismus im interreligiösen Vergleich
    5. Anti-christliche Literatur der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit
    6. Orientalismus und Philosemitismus: Historische Geschlechterkonstruktionen im Vergleich
    7. ‚Familiendrama’ – ‚Ehrenmord’: Konstruktionen kulturalistischer Differenz
    8. ‚Weltverschwörer’ und ‚Integrationsverweigerer’: Die Wiederkehr antisemitischer Stereotype im anti-moslemischen Diskurs
    9. ‚Christliches Abendland’: Zum Zusammenhang von Ethnisierung und Religionisierung von Kultur
    10. Naher Osten: Vorteile und Fallstricke intersektionaler Forschungsperspektiven
    11. Der Anti-Christianismus als blinder Fleck der Islamwissenschaften und der Wissenschaft des Judentums

 


[1] Sabine Schiffer, Constantin Wagner, Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich, Wassertrüdingen 2009, S. 209.

[2] Ebd., S. 186.