Schwerpunkt V:

Diaspora – Migration – Transnationalität

Migrationsprozesse, also Bewegungen über Grenzen, sind ein essentieller Aspekt jeder transnationalen Beschreibung kultureller, historischer, literarischer, ethnologischer, sozialer, ökonomischer u.a. Entwicklungen. Seit Jahrhunderten prägen sie in besonderer Weise jüdische Erfahrungen und wurden zu einem der wesentlichen Charakteristika jüdischen Lebens bis in die Gegenwart. Dem entgegen stand eine über Jahrzehnte weitgehend nationalstaatlich ausgerichtete Forschung. Die diasporische Situierung in einer sozial, ethnisch und religiös heterogenen Nachbarschaft machte jedoch das Überschreiten kultureller, nationaler oder staatlicher Grenzen für Juden in den verschiedenen Ländern häufig zu einer Notwendigkeit, um etwa aufgezwungenen beruflichen, sozialen, religiösen oder politischen Grenzziehungen von nicht-jüdischer (vereinzelt auch von jüdischer) Seite zu begegnen. Nicht selten beschritten sie dabei eigene „Wege der Emanzipation“ (Birnbaum/Katznelson 1995), die zudem über den engeren Kreis einer jüdischen Minorität hinaus Wirksamkeit erlangten. Sie schufen sich neue Handlungsräume, um ihre kulturellen Eigenheiten und ihr Überleben in einer Lebenswelt zu sichern, in der sie immer wieder und ungeachtet einer oft jahrhundertelangen Präsenz als ‚Gäste’ oder ‚Fremde’ exkludiert wurden. Noch seit dem späten 19. Jahrhundert haben mehr als 8 Millionen Juden dabei kontinentale Grenzen überschritten.

Die in diesem Forschungsschwerpunkt zentral gestellte Frage nach der transnationalen Dimension der jüdischen Diaspora soll ermöglichen, den verkürzten Horizont des nationalstaatlichen Paradigmas zu überschreiten und dadurch eine differenziertere Perspektive auf die Entwicklungen jüdischer Kultur, Geschichte und Literatur in Deutschland – als einem der weltweit bedeutenden Zentren der jüdischen Diaspora – zu gewinnen. Sie legt Charakteristika jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrung ebenso offen wie sie deren Verflochtenheit mit allgemeinen europäischen wie menschheitlichen Entwicklungen offenbar werden lässt und damit ein vertieftes Verständnis kultureller Eigenarten und Potentiale eines kulturell vielgestaltigen Europa befördern kann. Forschungen zu ost- und westjüdischer Kultur-, Geschichte und Literatur werden dabei an spezifischen Fragestellungen ebenso zusammengeführt wie eine derart verstandene Neukontexualisierung jüdischer Geschichte, Kultur und Literatur des Berlin-Brandenburger Raums bislang weitgehend isoliert bearbeitete Wissenschaftsfelder wie die Diaspora-, Exil- und Migrationsforschung theoretisch produktiv miteinander in Beziehung setzen kann.

 

 

Thematische Auffächerung in:

1. Migration und Emanzipation

2. Verflechtungsgeschichten Mittel- und Osteuropas

3. Leben am Un-Ort: Jüdisches Leben im NS-Deutschland

4. Vertreibung – Flucht – Exil

5. Kosmopolitismus und Nation 

6. Deutschland, Israel und die jüdische Diaspora