Schwerpunkt IV:

Sefardische Perspektiven 

Sefardische Studien finden bisher nur in absoluten Ausnahmen Eingang in die Jüdischen Studien in Deutschland. Dennoch ist die Erforschung des sefardischen Judentums weit davon entfernt, eine „iberische Spezialangelegenheit“ zu sein. Sefardische Juden haben über Jahrhunderte die Geschichte des westeuropäischen Judentums, des Judentums im Osmanischen Reich, in der atlantischen Welt und in den europäischen Kolonien in Asien und Afrika geprägt. Sie haben nicht nur grundlegend zur Geschichte der mittelalterlichen Philosophie, zur Kabbala und zur Entwicklung frühneuzeitlicher Wissensbestände beigetragen. Sie waren bis ins 18. Jahrhundert auch wesentlich an der Aufnahme nicht-jüdischer Wissensbestände in Kulturen des Judentums und an der Vermittlung jüdischen Wissens in nicht-jüdische Kulturen beteiligt. Schließlich wurden Episoden aus der Geschichte der Sefarden in der jüdischen Aufklärung und der Wissenschaft des Judentums für aschkenasische Denker zu Modellen einer erfolgreichen Integration von Juden in die europäischen Gesellschaften ihrer Zeit. In der neueren Forschung wird besonders den Conversos, getauften Sefarden, die zum Teil im Geheimen als Juden lebten, eine wichtige Rolle bei der  Ausbildung protomoderner Identitäten und frühmoderner Formen des Skeptizismus zugesprochen.

Mit einem Schwerpunkt „Sefardische Perspektiven“ soll den genannten Zusammenhängen am ZJS Rechnung getragen werden. Dabei soll es weniger darum gehen, monolithischen Auseinandersetzungen mit „dem aschkenasischen Judentum“ monolithische Auseinandersetzungen mit „dem sefardischen Judentum“ gegenüberzustellen, als vielmehr darum, unterschiedliche jüdische und nicht-jüdische Kulturen miteinander in Verbindung zu bringen und globalhistorisch neu zu überdenken. Unter den Titel „Sefardische Perspektiven“ sollen einerseits Projekte gefasst werden, die sich mit dem Denken, Wissen und Handeln von Sefarden befassen, andererseits solche, die Perspektiven auf und Interaktionen mit Sefarden untersuchen. Zeitlich liegt das Hauptgewicht des Forschungsschwerpunkts auf dem Mittelalter und den Jahrhunderten von der Vertreibung der Sefarden von der Iberischen Halbinsel bis zur Entstehung der Wissenschaft des Judentums. Sofern möglich, sollen aber immer auch aktuelle Diskussionen berücksichtigt werden.