Querschnittschema:

Von der Jüdischen Aufklärung über die Entstehung der Wissenschaft des Judentums zu den Jüdischen Studien – in Preußen, Berlin und Brandenburg

Die oben beschriebene Ablösung einer religiösen durch eine kulturelle Identität fand in der jüdischen Aufklärung, der Haskala, einen besonders deutlichen Ausdruck. Die Entwicklung der Wissenschaft des Judentums von ihren Anfängen bis zu den Jüdischen Studien des 21. Jahrhunderts zu erforschen, ist deshalb auch eines der Anliegen des Zentrums. Die Jüdischen Studien schließen bis heute an die Geschichte und die Ergebnisse der Wissenschaft des Judentums an, haben indessen deren Fächerkanon und Methodenspektrum noch stark erweitert. Das ZJS macht die Wissenschaftsgeschichte der Jüdischen Studien zu ihrem Gegenstand am Entstehungsort und dem bis 1933 wichtigsten internationalen Zentrum der Wissenschaft des Judentums: Berlin und Brandenburg. Sie profitiert aufgrund der Nähe zu den Orten, Traditionen, Bibliotheken und Archiven dieser Wissenschaft vom genius loci und hat wegen der einmaligen Dichte von wissenschaftlichen Institutionen für Jüdische Studien und des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte eine Art von ‚Heimvorteil’. Einen großen Gewinn versprechen auch die Nähe und der intensive Austausch mit WissenschaftlerInnen in Polen, von dessen Gebieten  – vor allem Breslau und Posen – ein Teil der Wissenschaft des Judentums ausging.Im Anschluss an die Pluridisziplinarität der Wissenschaft des Judentums wird das Zentrum die Entwicklung einzelner Fachgebiete innerhalb der Jüdischen Studien wissenschafts-geschichtlich von den Anfängen bis auf den gegenwärtigen Forschungsstand verfolgen, aufarbeiten und dokumentieren, so dass die Doktoranden und Postdocs neben ihrer spezifischen Qualifikationsarbeit jeweils zwingend mit der Wissenschaftsgeschichte ihres jeweiligen Fachgebiets innerhalb der Jüdischen Studien vertraut gemacht werden bzw. diese selbst erstmals darstellen. Dies entspricht langjährigen Empfehlungen des Deutschen Wissenschaftsrats, die Wissenschaftsgeschichte auch geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen zum Gegenstand universitärer Lehre und insbesondere der Nachwuchsförderung zu machen.Der Schwerpunkt Wissenschaft des Judentums bietet sich besonders an, weil die Wissenschaft des Judentums das religiöse und das profane Judentum in allen historischen Epochen zum Gegenstand hatte und weil so angesichts der Pluridisziplinarität der Wissenschaft des Judentums und der Jüdischen Studien heute alle Potsdamer und Berliner Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die Gelegenheit haben, in ihrem Fachgebiet an die Wissenschaftsgeschichte anzuknüpfen und diese mit dem eigenen aktuellen Forschungsstand zu verbinden. Darüber hinaus bietet sie auch die Möglichkeit, die Frage nach der Akademisierung religiöser oder religiös geprägter Traditionen/Habitus/Sitten/Gebräuche durch wissenschaftliche Forschung mit der eigenen Fachperspektive zu verbinden.

Juden in Berlin und Brandenburg von der Haskala bis zur Gegenwart

1871 veröffentlichte der Literatur- und Kulturhistoriker Ludwig Geiger eine „Geschichte der Juden in Berlin“, die als „Festschrift zur zweiten Säkular-Feier“ der jüdischen Gemeinde erschien. Der schmale Band war eine Auftragsarbeit, die in rund 200 Seiten eine Erfolgsgeschichte zusammenfasst, hatte der Preußische Staat laut Geiger doch eine „wunderbare Fähigkeit“ bewiesen, denn „die Juden waren als Fremde ins Land gekommen, es dauerte kaum ein Jahrhundert bis sie sich als Bürger betrachteten“.[1] Diese Überlegungen zu einer scheinbar gelungenen Integration haben nicht an Aktualität verloren, auch wenn sie rund eineinhalb Jahrhunderte zurückliegen, sie scheinen – im Gegenteil – an manchen Stellen unmittelbar in die Gegenwart zu verweisen. Doch seit Geigers Dokumentation, die auch nur die Umrisse einer komplexen und vielfältigen Geschichte umfasst, ist zu diesem Themenkomplex wenig und vor allen Dingen nur unsystematisch geforscht worden.

Die Hintergründe für dieses Desiderat liegen nicht zuletzt in der wechselvollen Geschichte Berlins und Brandenburgs,[2] die eine systematische Aufarbeitung erschwert, aber zugleich besonders notwendig macht. Denn wer sich für Integration, Akkulturation und Assimilation der Juden im deutschsprachigen Raum interessiert, stößt geradezu zwangsläufig auf die Entwicklungen in Berlin und Preußen, wo die Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts mit ihrer Forderung nach bürgerlicher Gleichstellung der Juden neue Perspektiven eröffnete. Die Aufarbeitung dieser Geschichte betrachtet das Zentrum als eine seiner zentralen Aufgaben.

In der Aufhebung des absolutistischen friderizianischen „Judenreglements“ von 1750 und den Stein-Hardenbergeschen Reformen, die 1812 mit dem „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem preußischen Staate“ eine grundlegende Liberalisierung einführten, spiegeln sich die rechtlichen Konsequenzen einer einzigartigen geistesgeschichtlichen Bewegung. Denn mit Moses Mendelssohn (1729-1786) wurde aus dem alltäglichen Ringen um eine Verbesserung der jüdischen Lebensbedingungen ein wissenschaftlicher Diskurs um die Gleichstellung, der gleichzeitig eine Neuorientierung von einem religiös ausgerichteten Leben hin zu einem Leben innerhalb der Mehrheitsgesellschaft markiert. Geradezu symbolisch für diesen Prozess ist Moses Mendelssohns Übertragung des Pentateuch ins Deutsche (ab 1774), wobei die Verwendung der deutschen Sprache in hebräischen Lettern das aufklärerische „Doppelziel der Modernisierung der jüdischen Religion und Kultur sowie die Integration der Juden in die Mehrheitskultur“ widerspiegelt.[3] Ausgangspunkt für Mendelssohns Bestrebungen war eine Annäherung an die Aufklärung, an die er – nicht zuletzt in seiner persönlichen Freundschaft mit Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) – anknüpfen konnte. Damit war auch der Grundstein für die besondere Beziehung des europäischen Judentums zur deutschen Sprache und Kultur gelegt, denn diese bildete die Basis der Emanzipationsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Mendelssohns Versuch, vielleicht keine Symbiose, aber doch eine Synthese mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu finden, markiert also den Ausgangspunkt der Emanzipationsgeschichte, die sich fortan im Spannungsfeld zwischen Integration und Identitätsverlust bewegte. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die großen politisch-geistesgeschichtlichen Bewegungen dieser Zeit, die Französische Revolution und die (deutsche) Aufklärung, die christlich-feudalen Strukturen in Berlin und Brandenburg aufbrachen und eben jenen Emanzipationsprozess in Gang setzten, der zu einer Vereinigung der jüdischen Minderheit mit der Mehrheitsgesellschaft führen sollte – unter zumindest teilweiser Aufgabe der eigenen Identität, denn „[w]as an jüdischer Substanz ausfiel, versuchte man durch Aneignung deutschen Kulturgutes zu ersetzen“.[4]

Bezüglich des Integrations- und Akkulturationsprozesses der Juden nehmen Berlin und Preußen-Deutschland innerhalb Europas auch aufgrund der deutschen „Erziehungsgesetzgebung“, den Versuch, über die Auferlegung bestimmter Pflichten auf die Gestaltung der Integrations- beziehungsweise Akkulturationsbereitschaft gezielt Einfluss zu nehmen, eine Sonderrolle ein. Zentral ist hier die von Moses Mendelssohn beeinflusste Schrift von Christian Wilhelm Dohm „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (Berlin 1781), die – eben unter bestimmten Bedingungen – eine rechtliche Gleichstellung der Juden vorschlägt. Im Mittelpunkt dieser Abhandlung steht der Nützlichkeitsgedanke, denn Dohm ging davon aus, dass eine gesellschaftliche Eingliederung des Judentums sich in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht als fruchtbar erweisen würde. Eine wechselseitige Übereinkunft zwischen Mehrheit und Minderheit schien sich erstmals abzuzeichnen, denn Dohms Schrift stieß zwar nicht bei der Bevölkerungsmehrheit, aber bei gebildeten Juden und Nichtjuden auf Interesse und Zustimmung. Für das Judentum in Preußen bedeutete dieser Ansatz eine Aufgabe eigener nationaler Bestrebungen und die Reduzierung ihrer Gemeinschaft auf die Religion, wobei letztere durch die Säkularisierung zunehmend an Bedeutung verlor. Berlin war die Keimzelle der Haskala, aber während Moses Mendelssohns Leben und Werk ausführlich dokumentiert wurde, liegen zu anderen Protagonisten dieser Bewegung kaum Erkenntnisse vor. Eine Aufarbeitung der Berliner Haskala-Geschichte und der Biographien ihrer Träger ist ein zentrales Anliegen des geplanten Forschungsprojekts (cf. www.haskala.net).

Die Wissenschaft des Judentums, die institutionell aus dem 1819 in Berlin gegründeten Verein für Wissenschaft und Cultur der Juden hervorging, beerbte die Haskala personell, weltanschaulich und methodisch: Einerseits setzte sie die historisch-kritische Erforschung der jüdischen Religion auf ihre Agenda, vor allem aber galt ihr Interesse einer Analyse und Dokumentation der gesamten profanen Geschichte der Juden, allen jüdischen Kulturen und Literaturen der Diaspora. Die Wissenschaft des Judentums war prinzipiell und von Anfang an ein pluridisziplinäres Projekt: Neben die Kerndisziplinen Geschichte, Philologie und Philosophie traten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Volkskunde, die Soziologie und die Musikwissenschaft. An diesen pluridisziplinären Charakter der Wissenschaft des Judentums und an dieses Interesse an profanem ebenso wie religiösem Judentum schließt das ZJS inhaltlich und methodisch an.

Da die Versuche, die Wissenschaft des Judentums an den deutschen Universitäten zu verankern, trotz Abraham Geigers Forderung nach einer jüdisch-theologischen Fakultät und Leopold Zunz’ Initiative bei der Berliner Universität, scheiterten, wurde sie zuerst 1856 im Breslauer Rabbinerseminar, ab 1872 in der privat finanzierten Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums etabliert. Seitdem ist die Wissenschaft des Judentums fester Bestandteil der Ausbildung von modernen Rabbinern. Von Preußen aus breitete sich die Wissenschaft des Judentums nach Frankreich, Italien, Ungarn, Russland, vor allem aber seit Ende des 19. Jahrhunderts in die USA und seit 1925 mit der Gründung der Hebräischen Universität Jerusalem auch in Palästina aus. Eine akademische Heimat an einer deutschen Universität wurde der Wissenschaft des Judentums hingegen immer verweigert. Diese Etablierung gelang in Deutschland erst nach 1945 mit dem Fach Judaistik und später den Jüdischen Studien – dann allerdings als eine Erforschung des Judentums (weitgehend) durch Nichtjuden. Die Geschichte der Wissenschaft des Judentums soll untersucht werden; die Geschichte der Jüdischen Studien und der Judaistik (nach 1945 und nach 1990) könnte komparativ hinzugezogen werden. Denn wissenschaftsgeschichtlich stehen die Jüdischen Studien in Europa, Israel und den USA auf den Schultern der in Berlin entstandenen Wissenschaft des Judentums.

Thematische Auffächerung in:

  1. Wissenschaft des Judentums – Juden in der Wissenschaft
  2. Staat und Gesellschaft
  3. Wirtschaft und Unternehmenskultur
  4. Literatur, Musik und Kunst
  5. Gemeinde und Gemeindemitglieder
  6. Antisemitismus und Abwehrkampf
  7. Orte und Räume
  8. Biographien
  9. Frühzionismus und das Verhältnis zu Israel

Fazit: Durch die inter- und transdisziplinäre Untersuchung dieser Themenschwerpunkte kann nicht nur die Geschichte des Judentums in Berlin und Brandenburg historisch rekonstruiert werden. Vielmehr gibt dieses Forschungsfeld Aufschluss über den politischen und sozialen Umgang mit religiösen und kulturellen Minderheiten, über Ausgrenzungsmechanismen und Emanzipationsprozesse. Und nicht zuletzt wird hier die umstrittene Frage nach einer spezifischen deutsch-jüdischen Identität wieder aufgenommen und eingehend analysiert. Die Verknüpfung historischer Prozesse mit einer Bestandsaufnahme der Gegenwartskultur soll dabei neue Perspektiven schaffen, die über die wissenschaftliche Rezeption hinaus auch für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen fruchtbar gemacht werden können. 

 


[1]  Ludwig Geiger, Geschichte der Juden in Berlin, Berlin 1871, S. V.

[2] Der Titel „Juden in Berlin und Brandenburg“ macht deutlich, dass dieses Forschungsprojekt nicht das gesamte Preußischen Staatsgebiets mit einbezieht; vielmehr handelt es sich um eine regional begrenzte Untersuchung, die gleichzeitig als pars pro toto der europäisch-jüdischen Geschichte zu verstehen ist.

[3] Britta L. Behm: Moses Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin: eine bildungsgeschichtliche Analyse zur jüdischen Aufklärung im 18. Jahrhundert, (Jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland Bd. 4), Münster u. a. 2002, S. 163.

[4]  Jacob Toury: Soziale und politische Geschichte der Juden in Deutschland 1847-1871, Düsseldorf 1977, S. 178.