Antisemitismus und Abwehrkampf

Auch wenn im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, insbesondere nach 1870/71, im jüdischen Bürgertum die Hoffnung auf eine nicht nur rechtliche Gleichstellung, sondern auch gesellschaftlich-soziale Akzeptanz zeitweise dominierte, blieb der Antisemitismus ein prägendes Element der europäisch-jüdischen und natürlich auch der Berliner jüdischen Geschichte. Das spiegelt sich in den bereits erwähnten Taufen und, während des Kaiserreichs, auch in der Verweigerung öffentlicher Ämter beziehungsweise der Aufnahme in den Staatsdienst. Nach dem Börsenkrach von 1873 und der folgenden wirtschaftlichen Stagnation erreichte der Antisemitismus einen neuen Höhepunkt: Die Journalisten Otto Glagau (1834-1892) und Wilhelm Marr (1819-1904) machten das Judentum für die so genannte Gründerkrise verantwortlich. Marrs Pamphlet „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ (1879) war grundlegend für die Entwicklung des rassischen Antisemitismus. Im selben Jahr entfachte der Historiker Heinrich Treitschke (1834-1896) den Berliner „Antisemitismusstreit“. Antiliberal, antikapitalistisch und modernisierungsfeindlich ausgerichtet, zielte der Antisemitismus der 1870er/80er Jahre zunächst auf Bestandswahrung, während er ab den 1890er Jahren, unter anderem beeinflusst durch Houston Steward Chamberlain (1855-1927), zunehmend den Rassegedanken in den Vordergrund stellte. Gruppierungen wie der jüdisch-christliche „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ (gegr. 1891) und der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (gegr. 1893) wurden in Berlin als „Abwehrvereine“ gegründet und bedürfen, ebenso wie kleinere und weniger bekannte Einrichtungen, weiterer Erforschung.

Mit dem Kriegsausbruch von 1914 und dem freiwilligen Eintritt zahlreicher jüdischer  Soldaten in die deutsche Armee war erneut die Hoffnung nach Gleichberechtigung und Anerkennung verbunden. Doch die antisemitisch motivierte „Judenzählung“ und die Verbreitung des Mythos von der „Drückebergerei“ jüdischer Männer führten zum Gegenteil – auch hier wurde in Berlin ein Abwehrverein gegründet: der „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ (gegr. 1919).

In der Endphase der Weimarer Republik wurde der Antisemitismus zu einem zentralen politischen Streitpunkt, die Abwehrvereine spielten auch hier eine wichtige Rolle, auch wenn sie der Propaganda der rechtsradikalen Parteien auf Dauer wenig entgegensetzen konnten. Die Judenverfolgung und -vernichtung des nationalsozialistischen Staates sollte anhand verschiedener Berliner Institutionen dokumentiert werden, exemplarisch zu nennen sind hier das Jüdische Krankenhaus, das Kinderheim „Ahawa“ und der Synagogenverein „Beth Zion“. Nach 1945 war das Judentum in Deutschland und Berlin weitgehend vernichtet und zerstört. Der Umgang mit der Shoah und ihren Auswirkungen war in West und Ost sehr unterschiedlich – eine vergleichende Analyse wäre hier sinnvoll. Für die Zeit seit 1989/90, die auch eine Neuordnung des jüdischen Lebens und ein neues Entflammen des Antisemitismus – insbesondere in Brandenburg – mit sich bringt, ist eine Untersuchung der Berliner ‚Subkultur’ (vgl. Orte und Räume unten) einerseits, aber auch des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft seit der ‚Wiedervereinigung’ von großem Interesse.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Berliner Antisemitismusstreit
    2. Centralverein und andere Abwehrvereine
    3. Jüdischer Widerstand
    4. Antisemitismus nach 1945
    5. Antisemitismus seit 1989/90