Gemeinde und Gemeindemitglieder

Die Berliner jüdische Gemeinde ist stark geprägt von ihrer wechselvollen Geschichte. Hier liegen die Anfänge der europäisch-jüdischen Reformbewegung, die durch bedeutende Rabbiner und Prediger vertreten wurde, aber nicht nur das liberale Judentum, auch die Orthodoxie waren in Berlin und Brandenburg vertreten. In den innerjüdischen Diskursen spiegelt sich dabei ein wichtiger Teil der Emanzipationsgeschichte, denn seit Moses Mendelssohn bewegte sich gerade diese Gemeinde immer wieder auf dem schmalen Grat zwischen Anpassung und Selbstaufgabe. So ließen sich viele Berliner Juden taufen – nicht nur um antisemitischen Anfeindungen und Übergriffen zu entgehen, sondern auch um den Weg in die vermeintliche Mitte der Gesellschaft zu finden. Der von Heine geprägte Ausspruch der Taufe als „Entréebillet zur europäischen Kultur“[1] galt auch für wichtige Vertreter des Berliner Judentums, beispielsweise traten bereits Moses Mendelssohns Sohn Abraham, seine Frau Lea und ihre Kinder, darunter auch der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy, zum Protestantismus über. Taufen aus sozialgesellschaftlichen Gründen sind ein Untersuchungsgegenstand des geplanten Forschungsprojekts, wobei der Frage nachzugehen wäre, ob sich vor diesem Hintergrund eine Art ‚heimliches Judentum’ (‚Marranentum’) im Sinne einer bestimmten Schicht und/oder Elite herausbildete.

Heute ist die jüdische Gemeinde Berlins wieder die größte in Deutschland und in Heterogenität und Facettenreichtum einerseits mit den Strukturen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert vergleichbar, auf der anderen Seite steht sie vor vollkommen neuen Herausforderungen. Die spezifische historische Erbschaft nimmt in diesem Zusammenhang zwar einen wichtigen Platz ein, aber diese wird von den seit 1989 eingewanderten russischen Juden vollkommen anders bewertet. Diese Nahtstelle oder auch Trennlinie stellt die Gemeinde gegenwärtig immer wieder vor neue Zerreißproben. Ein Vergleich zwischen dem Umgang mit der aktuellen Einwanderung russischer Juden und den Einwanderungswellen der 1880er Jahre (Massenflucht nach den Pogromen) sowie vor und während der Oktoberrevolution ist geplant.

Heute sind auch jüdische Gruppen, die außerhalb der organisierten Gemeinde operieren wieder wahrnehmbar und durchaus prägend für den aktuellen deutsch-jüdischen Diskurs. Die so generierte jüdische ‚Subkultur’ schafft sich ihre eigenen Interpretationsmöglichkeiten und Selbstbilder – wobei ‚Subkultur’ in diesem Kontext im Sinne von Dieter Baacke verstanden wird, der den Schwerpunkt entsprechender Formationen auf der situationsbezogenen Aneignung von Sozialräumen sieht.[2] So sucht sich die jüdische Subkultur auch bewusst andere Formen der Selbstinszenierung als die von den offiziellen jüdischen Institutionen angebotenen, und sie konstituiert damit auf ihre Weise einen ‚anderen’ Jüdischen Raum.[3]

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Entwicklung und Geschichte der Gemeinde in Preußen, Berlin und Brandenburg
    2. Wohlfahrtswesen und ‚Ostjudentum’
    3. Reformgemeinde
    4. Orthodoxie
    5. Taufe/Konversion
    6. Frühzionismus
    7. Zuwanderung

 

 


[1] Heinrich Heine’s Sämmltliche Werke. Hamburg 1869, S. 197.

[2]  Vgl. Dieter Baacke (Hg.): Jugend 1900-1970. Zwischen Selbstverfügung und Deutung. Opladen 1991.

[3] Vgl. Brigitta Eszter Gantner and Matyas Kovacs, „A kitalalt zsido: A konstrualt zsido kulturalis ter Kozep-Europaban; Egy uj ertelmezesi lehetoseg“ [The constructed Jew: A pragmatic approach for defining a collective image of Jews in Central Europe.] Café Babel 53 (2006), S. 77-88.