Orte und Räume

Mit der Vertreibung, Flucht und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und den tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Transformations-prozessen, die Berlin im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat, veränderten sich die urbanen ‚jüdischen Landschaften’ radikal: Es entstanden neue Akteursgruppen und Institutionen mit eigenen Netzwerken und Nutzungsvorstellungen. Zugleich sind diese Jüdischen Räume eng mit sensiblen städtischen Erinnerungspolitiken und Authentizitätsdiskursen verknüpft. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Rolle Jüdischer Kultur / Jüdischer Räume als Element der Vermarktung von historischer Authentizität durch Stadtmarketing und Tourismusbranche. Somit sind Jüdische Räume hier zum integralen Bestandteil spezieller Erinnerungskulturen und Erinnerungspolitiken geworden, in denen sich lokale und nationale, urbane und globale Dimensionen vermischen. Der dabei konstruierte Jüdische Raum bildet ein Forum, an dem sich verschiedene Akteure, Szenen und Bewegungen der urbanen Gesellschaft begegnen und die Formen ihrer Selbst- und Fremdrepräsentation bestimmt werden.

So bezieht sich die Bezeichnung Jüdisches Viertel in Berlin bis heute auf den als Scheunenviertel bekannten Stadtteil in der Nähe des Alexanderplatzes, in dem sich gegen Ende des Ersten Weltkrieges vor allem osteuropäische jüdische Flüchtlinge niedergelassen hatten. Anfangs noch als „ostjüdisches Ghetto“ abgetan, wurde dieses Viertel in den 1920er Jahren zum Jüdischen Viertel umgedeutet.[1] Nach dem Abriss großer Teile nach 1945 wurde die Bezeichnung Jüdisches Viertel schließlich für den Stadtteil Spandauer Vorstadt um den Hackeschen Markt übernommen. Anfang der 1980er Jahre und insbesondere nach der Wiedervereinigung Berlins begann die kulturelle und architektonische Wiederbelebung des Scheunenviertels. Die Neugestaltung des Berliner Jüdischen Raumes ist dabei nur im Kontext der Hauptstadtwerdung Berlins und der damit verbundenen städtischen wie auch nationalen Erinnerungspolitiken zu verstehen. Dabei ist seine öffentliche Wahrnehmung natürlich entsprechend stark von der Holocaust-Erinnerungskultur der Mehrheitsgesellschaft geprägt.[2] Das Holocaust-Mahnmal etwa als materialisiertes Symbol der Erinnerungspolitik ist in Berlin – wie auch andere Orte der Erinnerung in Gestalt prominenter Denkmäler oder der Topographie des Terrors – untrennbarer Bestandteil des Jüdischen Raumes geworden. Insbesondere die Nähe des Jüdischen Viertels zum Berliner Regierungsviertel und das Dreieck, das es mit dem nahe gelegenen Holocaust-Mahnmal und dem Jüdischen Museum bildet, schafft für das ‚neue’ Deutschland in Berlin einen Raum, der ein nationales historisches Verantwortungsbewusstsein in neuer Form signalisieren soll und die ‚jüdischen Orte’ auch als „nationale” Erinnerungsorte definiert.[3]

Mittlerweile ist das Gebiet um den Hackeschen Markt einer der bevorzugten touristischen Anziehungspunkte in Berlin geworden, nicht zuletzt wegen seiner besonderen Mischung und Dichte aus urbaner Architektur, erfahrbarer Geschichte, kultureller Institutionen und großstädtischem Szeneleben. Im Blick auf die Rekonstruktion Jüdischer Räume bedeutet dies, dass ein weites Spektrum unterschiedlichster Akteure an diesem Be-Leben jüdischer Kultur beteiligt ist. Dabei fällt auf, dass in Berlin vor allem nicht-jüdische Akteure und Institutionen die Inszenierung und Vermarktung Jüdischer Räume maßgeblich beeinflussen. Dieses ‚judaisierende Milieu’,[4] das weit über das eigentliche Jüdische Viertel hinausgreift, umfasst einerseits Netzwerke und Institutionen wie das Jüdische Museum, das Jüdische Kulturfestival und die Jüdische Gemeinde im Allgemeinen: Andererseits sind hier Stadtmarketingagenturen, Vertreter der Tourismusbranche, städtische Medien, Kulturschaffende (wie die Jüdische Galerie), Gastronomen und Festivalagenturen involviert. Im Jüdischen Viertel selbst ist mittlerweile eine lokale ‚Kulturindustrie’ entstanden, deren Produktionen sich auf erhalten gebliebene Häuser aus jüdischem Besitz, auf einige Straßen, auf kulturelle Fragmente eines jüdischen Erbes beziehen. All dies scheint dem im Prozess der stadtteilspezifischen Wiederbelebung von Berlin-Mitte geforderten ‚Authentizitätsnachweis’ bestens zu entsprechen.[5] Die Erforschung dieses Zusammenspiels von Akteuren, Netzwerken, Symbolen und dessen Wirkungen, Diskursen, Topografien und Repräsentationen wäre von besonderem Interesse, und es liegen bisher noch wenige Ergebnisse dazu vor. Bewusst wird sich das ZJS in dieser Gegend ansiedeln.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Topographien
    2. Stadtgeschichte und Architektur
    3. Konstruktion jüdischer Orte
 

[1] Vgl. Joseph Roth, Juden auf Wanderschaft. Berlin 1927; Tobias Brinkmann: Topographien der Migration – Jüdische Durchwanderung in Berlin nach 1918 In: Dan Diner (Hg.): Synchrone Welten – Zeitenräume jüdischer Geschichte. Göttingen 2005, 175-198.

[2]  Vgl. Richard Chaim Schneider, Fetisch Holocaust: die Judenvernichtung – verdrängt und vermarktet. München 1997.

[3] Vgl. Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin 1990.

[4] Y. Michal Bodemann, Gedächtnistheater: die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung, Hamburg 1996, S. 52.

[5]  Vgl. Brinkmann.