Wirtschaft und Unternehmenskultur

In Berlin war „[b]is zum ersten Weltkrieg […] eine säkularisierte deutsch-jüdische Identität entstanden, die ‚ethnische’ Merkmale (um einen heutigen Begriff zu verwenden) aufwies, die nicht mit der Ausübung von Religion einhergehen mussten“.[1] Dieser „ethnischen Solidarität“[2] war auch eine soziale Geschlossenheit immanent – eine Abgrenzung von der christlichen Mehrheitsgesellschaft, die sowohl als Reaktion auf den ausgeprägten Antisemitismus als auch als Versuch einer Elitenbildung zu verstehen ist. Diese Tendenz der gesellschaftlichen Absonderung ist aber nicht nur bei der jüdischen Bevölkerung zu beobachten, vielmehr „sollte nicht übersehen werden, dass gerade in der Großstadt so gut wie alle Gruppen der Gesellschaft vergleichbare Prozesse durchliefen, seien es Schlesier oder Pommern, Proletarier oder Kleingewerbetreibende, Katholiken oder Frauen – und eben auch Juden“.[3] Dennoch muss festgehalten werden, dass die jüdische Bevölkerung auch vor diesem Hintergrund eine Sonderrolle eingenommen hat. Das massive Streben nach bürgerlicher Anerkennung, nach dem Recht, als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens als vollwertige Mitglieder in die deutsche Gesellschaft aufgenommen zu werden, ging einher mit einer überdurchschnittlichen Bildung und Produktivität. Die Bezeichnung der Juden als wilhelminische Wirtschaftselite ist keineswegs übertrieben. Tatsächlich wurden 30,7 Prozent der städtischen Steuereinnahmen von den Berliner Juden erwirtschaftet, die aber nur einen Bevölkerungsanteil von rund vier Prozent ausmachten.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Unternehmensgeschichte (Unternehmer, Bankiers, Großkaufleute)
    2. Jüdische Wirtschaftselite
    3. Presse und Verlagshäuser
    4. Juden in der Arbeiterbewegung
    5. Paradoxe Imaginationen zum ‚Juden’ als Kapitalist und als Kommunist

 

 


[1] Dolores L. Augustine: Eine jüdische Wirtschaftselite im wilhelminischen Berlin: Ein jüdisches Patriziat? In: Reinhard Rürup (Hg.): Jüdische Geschichte in Berlin. Berlin 1995, S. 101-116, 102f.

[2] Ebd.

[3]  Chana C. Schütz: Die Kaiserzeit (1871-1918). In: Andreas Nachama, Julius H. Schoeps, Hermann Simon (Hg.), Juden in Berlin. Berlin 2002, S. 89-136, hier S. 116.