Schwerpunkt III:

Zeugenschaft – Memorialgeschichte (nach) der Shoah

Erinnerung und Eingedenken sind wesenhafte Kennzeichen des Judentums. Das Sich-Erinnern ist als Gebot der Thora eingeschrieben und bestimmt umfassend die Praxis jüdischen Lebens. Dabei ist ebenfalls bereits in der Thora grundgelegt, dass Erinnerung nicht nur das Positive beinhaltet, sondern eben auch negative Widerfahrnisse. Kollektive und individuelle Erinnerungen sind dabei miteinander verwoben. Im Lauf der geschichtlichen Entwicklung hat die Kultur der Erinnerung und des Eingedenkens zahlreiche unterschiedliche Formen entwickelt. Sie werden in der Literatur (Kinnot), in der Liturgie (etwa des 9. Av) und der individuellen religiösen Praxis gelebt. Mit ihrer Hilfe gelingt eine Sinnerschließung des Geschehenen, welches zugleich in der Erinnerung vergegenwärtigt wird. Diese überkommenen Formen und Ausdrucksmittel der Erinnerung wurden und werden durch den völligen Vernichtungsterror der Shoah in Frage gestellt, da Versuche der nachträglichen Sinngabe aus dem traditionellen Reservoir angesichts des geschehenen Schreckens vergeblich erscheinen müssen (Hans Jonas).In der jüdischen Erinnerung der Shoah  geht es im Kern um die Frage ihrer Einzigartigkeit: Obwohl es in der Geschichte des europäischen Judentums immer wieder Katastrophen gegeben hat, war die Ausweglosigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung ein unvergleichlicher Bruch innerhalb dieser Geschichte, und zwar weil es keine Wahlmöglichkeit gab. Zur Erinnerung der vorhergegangenen Desaster gehört die, wenn auch nur erinnerte, Möglichkeit, sich vor der Verfolgung und Ermordung zu schützen und sei es durch die Taufe. Diese Möglichkeit gab es in der Shoah so wenig wie das Hoffen auf das Selbsterhaltungsinteresse der Täter. Es war undenkbar, weil noch nie geschehen, dass ein Feind die Ermordung von Juden als wichtiger erachtete als den Schutz des eigenen Lebens. Angesichts dieses radikal Anderen stellte sich aus jüdisch-theologischer Sicht die Frage, ob es möglich war, an vorgängige Formen der Erinnerung anzuknüpfen, um der Shoah zu gedenken.Diese Frage ist in den Jahrzehnten nach dem Krieg unterschiedlich beantwortet worden: Eine – religiös sehr einflussreiche – Deutung betrachtet die Shoah gerade nicht als einzigartig, sondern als Teil einer Reihe von Vernichtungen, die das jüdische Volk immer wieder in seiner Geschichte getroffen hat, wie z.B. die Zerstörung des Tempels, die Morde an deutschen Gemeinden während der Kreuzzugs- und Pestpogrome oder die Vertreibung aus Spanien. Daraus ergab und ergibt sich konsequenterweise die Übertragung von Elementen der Erinnerung an andere Katastrophen auf die Erinnerung an die Opfer der Shoah. Interessanterweise hat auch die weniger religiös als säkular bestimmte Memorialkultur des Staates Israel – die von den jüdischen Gemeinden in aller Welt übernommen wurde – immer wieder in vielfältiger Weise an traditionelle Formen des Trauerrituals und ihren institutionell verankerten Formen in Liturgie und religiöser Praxis angeknüpft und sie modifiziert.

Diese religiös grundierte Ausformung einer als modern verstandenen Erinnerungskultur ist keineswegs unumstritten geblieben und wird bis heute immer wieder neu verhandelt: Während die Befürworter der institutionellen Anbindung gerade in der Zusammenschau der Katastrophen eine tröstliche Form der Erinnerung sehen, vermuten andere darin eine Einebnung des vollkommenen Schreckens der Shoah, der mit der Zerstörung des Tempels oder den Verwüstungen des 12. und 13. Jahrhunderts eben nicht gleichgesetzt werden kann, sondern einer eigenen Erinnerung bedarf. Es geht mithin immer um die Frage des Bruches, den die Shoah bedeutet.

Schon Yosef Chaim Yerushalmi hat in seinem Werk ‚Zakhor. Erinnere Dich!’ ganz allgemein auf die Differenz zwischen der rabbinischen Memorialkultur z.B. im jüdischen Festkalender und der modernen jüdischen Historiographie in der Wissenschaft des Judentums seit dem frühen 19. Jahrhundert aufmerksam gemacht: Die moderne Erforschung der jüdischen Geschichte setzt auf Quellen, Datierung und Chronologie selbst noch bei der Historisierung der jüdischen Religionsgeschichte, allemal bei der profanen Geschichte der Juden. Sie löst sich damit von der im Kern a-historischen religiösen Memorialkultur und ihren Ritualen. Museen, Archive und Bibliotheken werden zu den Erinnerungsorten der modernen jüdischen wissenschaftlichen Memoria. War im vormodernen rabbinischen Selbstverständnis Gott der große Beweger und Lenker der jüdischen Geschichte, so schreibt das jüdische Volk im Selbstverständnis der Wissenschaft des Judentums und in der modernen Historiographie in seinen profanen Wechselbeziehungen zur nichtjüdischen Umwelt seine eigene Geschichte. Nach der Shoah sind es bezeichnender Weise von Nichtjuden initiierte Gedenkstätten wie das zentrale Berliner Mahnmal für die Ermordung der europäischen Juden oder der Libeskind-Bau des Jüdischen Museums Berlin, wo moderne historische Memorialkultur und ihre Institutionen wie Archive und Museen sowie Elemente der traditionalen religiösen Memorialkultur wie der Friedhof oder die Sukka wieder aufeinandertreffen.

Dreh- und Angelpunkt jedweder memorialkultureller Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen sind die Erinnerung der Überlebenden, die Zeugnis ablegen konnten von dem, was ihnen und ihren Familien widerfahren ist. Das Verfassen und auch Sammeln dieser Zeugnisse begann noch während des Mordens selbst: Walter Zwi Bacharach hat uns mit seiner Dokumentation ‚Dies sind meine letzten Worte… Briefe aus der Shoah’ (2006) auf sehr eindrückliche Weise vor Augen geführt, wie Männer, Frauen und sogar Kinder bemüht waren, ein letztes Zeugnis ihrer Existenz zu hinterlegen und das Verbrechen für die Nachwelt zu bezeugen. Im Warschauer Ghetto war es der Historiker Emanuel Ringelblum, der sich zusammen mit seinen Mitarbeitern zum Ziel setzte, die ihn umgebende Realität so perspektiv- und facettenreich wie nur irgend möglich zu dokumentieren: Daher finden sich dort, in dem unter seiner Leitung kollektiv erstellten Oneg Shabbat Archiv, neben offiziellen Schriftstücken der deutschen Verfolger oder des Judenrats auch zahlreiche Ego-Dokumente verschiedenster Provenienz. Die wenigen Überlebenden des Ghettoaufstands schließlich, die zum Teil eng mit dem Oneg Shabbat Archiv zusammengearbeitet hatten, nahmen diesen Faden nach dem Krieg sofort wieder auf und sammelten noch in Polen Erfahrungsberichte von überlebenden Kindern und Erwachsenen. Dasselbe taten die Jüdischen Historischen Kommissionen, die sich noch 1945 überall im befreiten Europa gründeten. Die 1955 an der Gedenkstätte Yad Vashem eingerichtete Oral History Abteilung, unter der Leitung von Rachel Auerbach, einer Mitarbeiterin Emanuel Ringelblums, verstand sich ganz bewusst als Fortsetzung dieser frühen Dokumentationsprojekte. Ihre Arbeit sollte durch den Eichmann-Prozess im Jahre 1961 einen großen Schub erhalten, als die Stimmen der Zeitzeugen erstmals zentral für die gerichtliche Beweisaufnahme wurden und eine nach juristisch relevanten Themenkomplexen, die es zu bezeugen galt, ausgewählte Gruppe von Überlebenden vor Gericht aussagte. Bis dahin waren Überlebende als Zeugen bei der juristischen Aufarbeitung des Massenmords eher unerwünscht, sollte dieser doch aus den Dokumenten der Täter selbst bewiesen werden. Doch nach 1961 ließ sich kein NS-Prozess mehr ohne die Aussagen von Überlebenden führen: Dies war für die historische ‚Quellengenese’ zum Holocaust ein weiterer, wichtiger Schritt.

Interessanterweise sind gerade diese frühen Oral History und Dokumentationsprojekte jahrzehntelang in Vergessenheit geraten und rücken erst seit wenigen Jahren wieder in den Blick der Forschung. Dagegen scheint die zweite ‚Welle’ der akademischen Erfassung und Auswertung von Zeitzeugenberichten gerade auf die beginnende Fiktionalisierung der Shoah seit Mitte der 70er Jahre reagiert zu haben. Diese setzte mit der äußerst erfolgreichen Fernsehserie „Holocaust“ ein. Den Gründern des Fortunoff Video Archive an der Yale University ging es explizit darum, der zunehmenden Fiktionalisierung des Themas durch Film und Fernsehen die authentischen Stimmen der Überlebenden entgegenzustellen. Ein weiterer Beweggrund bestand darin, dass die Zeitzeugen bald aussterben würden. Mittlerweile sind in diesem Archiv über 4400 mehrstündige Videointerviews mit Überlebenden gesammelt; sie sind mit Schlagworten versehen, online recherchierbar und zum Teil digitalisiert über bestimmte Institutionen auch in Berlin bzw. Potsdam zugänglich, so am Moses Mendelssohn Zentrum, dem Haus der Wannseekonferenz und dem ‚Ort der Information’ beim Denkmal für die Ermordeten Juden Europas. Noch eindeutiger ist dieser Zusammenhang von Fiktionalisierung und Authentifizierung beim bekanntesten dieser Projekte, dem Visual History Archive der Shoah Foundation, das Steven Spielberg nach Abschluss der Dreharbeiten zu ‚Schindlers Liste’ gründete. Mittlerweile sind dort 52.000 Interviews gesammelt und ebenfalls mit einer spezifischen Technik nach Sequenzen verschlagwortet und in Deutschland an zwei Berliner Universitäten, der FU und der TU, zugänglich. Zudem ist man in Deutschland nicht nur Rezipient der weltweit gesammelten Videoarchive, sondern hat – in Ost und West – seit den 1980er Jahren auch eigene Oral History Projekte durchgeführt und archiviert, wenngleich im weitaus bescheideneren Rahmen und oftmals außerhalb der Universitäten. Diese Zeugnisse finden sich weit verstreut im Berliner Raum, in Schulen und Geschichtswerkstätten, aber auch als bislang neueste Sammlung, am ‚Ort der Information’ beim Denkmal für die Ermordeten Juden Europas.

Diese Entwicklung verweist auf die eingangs erwähnte enge Verknüpfung von Zeitzeugenschaft und Memorialkultur im Raum Berlin-Brandenburg. Hier findet sich eine ausdifferenzierte Gedenk- und Erinnerungskultur, deren Einrichtungen mit Zeitzeugenberichten, Videointerviews etc. arbeiten: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Haus der Wannseekonferenz, Topographie des Terrors, Museum Karlshorst, Denkmal für die Ermordeten Juden Europas, die Gedenkstätten Sachsenhausen, Ravensbrück und Buchenwald sowie das Jüdische Museum Berlin und das Centrum Judaicum. Ein angestrebtes Ziel des Zentrums ist eine engere Verflechtung dieser Orte mit den akademischen Lehrstätten in der Region, die ihrerseits ebenfalls in verschiedenen Fachgebieten zu den Themen Memorialkultur, Zeugenschaft, Visualisierung, Fiktionalisierung sowie pädagogische Vermittlung arbeiten.

Thematische Auffächerung in:

  1. Philosophisch-theologische Debatten nach der Shoah
  2. Die Zukunft der Zeugenschaft
  3. Fiktionalisierungen und Visualisierungen
  4. Der Holocaust im Museum: Pädagogische Vermittlung und deren Evaluation