Fiktionalisierungen und Visualisierungen

Dieser Themenschwerpunkt vereint Fragestellungen der Literatur- und Kulturwissenschaft, wie sie an allen vier Universitäten in Forschung und Lehre vertreten werden. Hierzu gehören Fragen der literarischen und künstlerischen Verarbeitung des genozidalen Geschehens ebenso wie die Problematisierung des Verhältnisses von Zeugenschaft und Fiktionalität. Während sich dies viele Jahre lang auf das Erleben und Erzählen der Opfer bezogen hat, erleben wir in Deutschland seit Kurzem eine Hinwendung zur familiären „Tätererzählung“ in Literatur, Ausstellungsprojekten und Filmen. Das Verhältnis zwischen beiden Narrativen auszuloten, Erzähltechniken sichtbar zu machen und Rezeptionsformen zu analysieren, wird in Zukunft eine große – und interdisziplinäre – Herausforderung sein, die durch die völlig anders konstituierte Erinnerung der Zuwanderer (vor allem aus Osteuropa) eine zusätzliche, dritte Dimension erhält. Ein weiteres und bislang kaum untersuchtes Forschungsfeld bietet in diesem Zusammenhang das Internet, wo sich die Frage von Authentizität und Fiktionalität noch einmal völlig anders stellt.

Nicht nur wegen seiner fiktionalen Struktur, auch aus anderen Gründen stellt der Film vollkommen neue Anforderungen an das Shoah-Gedächtnis. Als Medium der Sichtbarkeit kann der Film das Unvorstellbare des Genozids nicht unmittelbar vermitteln – er muss nach ‚indirekten’ Möglichkeiten suchen: Für den Dokumentarfilm hat Claude Lanzman in seinem vierteiligen Film ‚Shoah’ die Zeugen ihre Erfahrungen und Erinnerungen in Worte ‚re-inszenieren’ lassen; andere Filmemacher haben vor der Folie einer Ausnahme (‚Schindlers Liste’) oder durch die Anwendung von Ironie (‚La vita e bella’) den Tatsachen Rechnung zu tragen versucht. In jedem dieser Fälle werden die Tatsachen dadurch beschrieben, dass sie nicht direkt, sondern nur durch einen – wie auch immer konstruierten – Gegensatz dargestellt werden. Eine solche Form der Darstellungsweise muss notwendigerweise Konsequenzen haben für die langfristige Wahrnehmung der Shoah.

Ein anderer Aspekt, der in der filmischen Wahrnehmung – nicht nur des inszenierten, auch des Dokumentarfilms – eine wichtige Rolle spielt, ist die Wahrnehmung der Geschlechter. Hier spielen die Überschneidungen zwischen der Konstruktion von Geschlecht und der Konstruktion des Körpers des ‚Juden’ in den Rassentheorien eine wichtige Rolle. Die Bedeutung, die der Film als Medium bei der Konstruktion der nationalsozialistischen Vorstellungen vom ‚Juden’ hatte, ist ein breites Forschungsgebiet sowohl in der Filmwissenschaft der FU als auch der Kulturwissenschaft und den Gender Studies an der HU. In ihren Versuchen, an die Shoah zu erinnern, müssen moderne Filme diese Möglichkeiten des Mediums Film, rassistische Vorstellungen zu transportieren und ihnen ‚Glaubwürdigkeit’ zu verleihen, durchbrechen. Im Fach Kulturwissenschaft der HU haben die bisherigen Inhaber des Walter Benjamin-Gastlehrstuhls deshalb regelmäßig Lehrveranstaltungen zur filmischen Rezeption der Holocaust-Erinnerung angeboten. Es wurde ein eigenes Forschungsprojekt auf den Weg gegeben, das die Veränderungen der Memorialstrukturen durch die filmisch-fiktionale Behandlung thematisiert. Zurzeit werden eine Reihe von Themen bearbeitet, darunter etwa: die spezifische Darstellung weiblicher Opfer des Nationalsozialismus am Beispiel von Filmen über das Konzentrationslager Ravensbrück (die Forschung wird in Kooperation mit der Gedenkstätte durchgeführt); das Bild des Juden in Filmen der DEFA wie auch die Rolle von Juden in der Filmproduktion der DDR; ein Vergleich literarischer und filmischer Selbstdarstellungen von ‚Täterkindern’.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Narrativ vermittelte Erinnerungen an Nationalsozialismus und Holocaust in Familien von Tätern und Opfern
    2. Sekundäre Zeugenschaft: Literarische und künstlerische Verarbeitungsformen der 2. und 3. Generation
    3. Die Rolle von Geschlecht in der filmischen Darstellung des Holocaust