Philosophisch-theologische Debatten nach der Shoah

Die Shoah als Versuch der vollständigen Vernichtung des europäischen Judentums hatte nicht nur als Kulturbruch massive Konsequenzen, sondern wirkte sich in besonderer, weil radikaler Weise auf die philosophisch-theologischen Debatten jüdischer, aber auch – in eigener und unterschiedlicher Fragestellung – christlicher Provenienz aus. Angesichts der Vernichtung gelangt die jüdische Theologie an ihre Grenzen, Geschichte theologisch etwa unter dem Modell von Prüfung und Strafe, des Märtyrertums oder Kiddusch Ha-Schem zu interpretieren. Es brachen Fragen auf, wobei die nach dem Gottesbegriff angesichts des Schreckens sowohl in philosophischen als auch in theologischen Diskursen aufgegriffen wurde. Durch die fast völlige Zerstörung einer ganzen unschuldigen Generation, darunter einer Unzahl von Frommen, Lehrern und Schülern, wurde der Gedanke der Erwählung Israels als theologische Basis der Identität  fraglich. Die radikalste Frage war die nach der Existenz Gottes angesichts des Schweigens.

Die ersten Debatten um das Gottesbild nach Auschwitz wurden in den USA der 60er Jahre zunächst außerhalb der Orthodoxie geführt. So prägte Richard Lowell Rubenstein 1966 den Begriff des „Holy Nothingness“ – des ‚Heiligen Nichts’; eine Negation des jüdischen Glaubens, die dennoch Elemente jüdischer Mystik aufnimmt.[1] In den 70er Jahren ist es Emil Ludwig Fackenheim, der mit einer Bejahung jüdischen Glaubens und jüdischer Existenz (das 614. Gebot des Judentums) eine entgegengesetzte Position vertritt. Gleichwohl verweigert auch er eine theologische Erklärung oder Sinngebung der Shoah. Irving Greenberg dagegen versucht, am Modell des geschichtlichen Verstehens festzuhalten,  und nimmt in diesem Sinne eine Dreiteilung der jüdischen Geschichte – biblische Ära, rabbinische Epoche, Ära des Holocaust – vor, die dem Akt der Vernichtung jeweils einen Akt der Erlösung entgegenstellt.[2]

Die philosophisch-theologischen Reflexionen nach der Shoah sind bestimmt von der Frage nach der Möglichkeit einer Kontinuität jüdischen Glaubens und Denkens in der Geschichte. Damit wird auf durchaus paradoxe Weise die Frage nach der möglichen  Offenbarungsrelevanz des Holocaust, und zwar ausdrücklich  als Offenbarung des Negativen, eröffnet. So verweist z.B. Michael Wyschogrod zum einen auf das Fehlen jeglichen Offenbarungswortes oder prophetischer Mitteilung und erklärt zum anderen, dass im Holocaust ein Widerspruch zwischen dem dort wahrgenommenen und dem geglaubten Gott auftrete, der die Vorstellung einer göttlichen Offenbarung verunmögliche.[3]

In den 1980er Jahren zeigte sich zunächst vor allem an amerikanischen Universitäten ein großes Interesse an ‚Holocaust Studies’, die jedoch wiederum Kritik hervorriefen, da durch die Fokussierung auf die Shoah ein inhaltloses ‚Trotzjudentum’ entstünde; zudem der ethische Gehalt der jüdischen Tradition ignoriert und das Judentum nur noch als Opfer definiert werde.

Orthodoxe Vertreter des Judentums haben eine theologische Neubestimmung jüdischer Glaubenspraxis weitgehend abgelehnt. Bereits während der Verfolgung hatten der Orthodoxie zugehörige Rabbiner traditionelle Erklärungsmodelle beibehalten. Bis heute sehen sich viele Vertreter der Orthodoxie deshalb legitimiert, an diesen vorgegebenen Erklärungsmustern festzuhalten, was sich nicht zuletzt im Verzicht auf die Neuformulierung von Gebeten oder Lesungstexten widerspiegelt. Außerhalb der Orthodoxie wurden und werden Versuche unternommen, mit den vorhandenen, überlieferten religiösen Elementen eine neue Form von Memorialkultur zu schaffen und dabei die Deutung der vorgegebenen Texte so zu verändern, dass sie ein Gedenken der Opfer der Shoah einschließen und die Erinnerung an sie tradierbar bleibt.

In den letzten Jahren stellt sich jedoch das Problem des Erinnerns an die Shoah und damit auch seiner theologischen Bedeutung noch einmal völlig neu: Wie soll erinnert werden, wenn es keine Überlebenden mehr gibt, die die Katastrophe bezeugen können? Das Schechter Institute of Jewish Studies in Jerusalem hat ausgehend von der Überlegung, dass Erinnerung im Judentum notwendig der religiösen Anbindung bedarf, eine Megillat Hashoaheine Shoah-Rolle, ediert, die eine bleibende Erinnerung sichern soll. Das Projekt der Megillat Hashoah ist eine zentrale Schnittstelle, an der sich religiöse und säkulare, jüdische und nichtjüdische Erinnerungskultur treffen.

So vielfältig die Debatten im jüdischen Raum sind, so zahlreich sind sie auch in der christlichen Theologie nach der Shoah. Die versuchte Vernichtung der jüdischen Existenz ist auch eine fundamentale theologische Anfrage an das Christentum und seine Bedeutung für eine humane Welt und insbesondere an das Verhältnis des Christentums zum Judentum. Während es auch hier Formen traditioneller Erinnerung und Deutung gibt, wie etwa die theologia crucis oder die theologia negativa, unterscheidet sich hier die Fragerichtung radikal, da sie zunächst bei der Schuldfrage ansetzt.

So gegensätzlich, bisweilen disparat und fragil diese Diskurse sind, gehören sie dennoch unverzichtbar zur Wahrnehmung der Reflexion und des Gedenkens der Shoah.

Mögliche Forschungsfelder:

    1. Philosophisch-theologische Debatten nach der Shoah (nach Zeiten und Räumen zu differenzieren)
    2. Das Ende der Geschichte. Zur Geschichtstheologie und Geschichtsschreibung nach der Shoah
    3. Holocaust Studies und Formen säkularer Erinnerung
    4. Die Debatte um die Liturgie der Erinnerung der Opfer in der Orthodoxie
    5. Die Theodizeefrage im Angesicht des Holocaust
    6. Christliche Theologie nach der Shoah
    7. Jüdisch-christlicher Dialog nach der Shoah

 


[1] Richard Lowell Rubinstein, After Auschwitz: Radical Theology and Contemporary Judaism, Indianapolis 1966.

[2] Birte Petersen, Theologie nach Auschwitz?: jüdische und christliche Versuche einer Antwort, Berlin 1996, S. 55-58.

[3] Michael Wyschogrod, Gott – ein Gott der Erlösung, in: M. Brocke/H. Jochum (Hg.): Wolkensäule und Feuerschein, München 1982, 178-194.