Ernst Ludwig Ehrlich – Verschränkung von Biographie und Lebenswerk

Ernst Ludwig Ehrlich (1921–2007) gehörte nach der Shoah zu den ersten jüdischen Denkern, die ein Gespräch mit Vertretern beider christlicher Konfessionen in Deutschland führten und retroperspektiv als Pionier und Befürworter für den jüdisch-christlichen Dialog gilt.

Das Promotionsvorhaben analysiert exemplarisch anhand der Verschränkung von Biographie und Lebenswerk Ernst Ludwig Ehrlichs die Verbindung zwischen dem deutschen Judentum vor der Shoah und dem nach 1945 beginnenden jüdisch-christlichen Gespräch. Die kontextualisierte Diskursanalyse von Person und Werk positioniert Ernst Ludwig Ehrlich im Schwerpunkt eines hermeneutischen Dreiecks. Dies spannt sich auf über: a) die Prägung in Berlin, b) Kontinuitäten und Diskontinuitäten des deutschen Judentums nach 1945 und c) die Motivation zur Aussöhnung zwischen Juden und Christen.

Für das deutsche Judentum vor der Shoah in Berlin stellt Ehrlich eine herausragende Größe dar, da in seiner Person eine doppelte Prägung sichtbar wird: zum einen sein preußisch- jüdisches Elternhaus, zum anderen seinen Lehrer Leo Baeck. Im Kontext dieser doppelten Prägung werden Rückfragen an die jüdische Denktraditionen gestellt, die das Denken Ehrlichs nach der Shoah beeinflussten. In seinem Denken ist eine Hoffnung eingetragen, die an ein durch Moses Mendelsohn vertretenes Motiv der Haskala erinnert: Die Idee einer möglichen Verbesserung der Welt durch Bildung. Weiterhin transferiert Ehrlich das Verständnis seines Lehrers Leo Baecks: „Kritische Kenntnis als Selbstreflexion“ in den jüdisch-christlichen Dialog als Forderung an seine christlichen Gesprächspartner. Dabei ist der Transformationsprozess aus Ehrlichs Sicht verpflichtend für den Dialog. Der Lernprozess – eine kritische Auseinandersetzung mit eigener Identität und Geschichte – wird von Ernst Ludwig Ehrlich als Diktum für ein verantwortungsbewusstes Miteinander verstanden. Aus dem wechselseitigen Verhältnis von vergangenheitsbezogener Geschichte und zukunftsorientierter Hoffnung folgt die Frage nach der Bewältigung historischer Ereignisse. Ein weiteres Arbeitsfeld stellt die Diastase von „Exil und Domizil“ dar. Obwohl Ernst Ludwig Ehrlich nach seiner Flucht 1943 in die Schweiz nicht mehr dauerhaft nach Berlin zurückkehrte und in den 50er Jahren die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm, verstand er sich Zeit seines Lebens als deutscher Jude und Berliner. Inwiefern man „gleichzeitig […] ideologisch im Exil und existenziell zu Hause“ (Y. H. Yerushalmi) sein kann, wird innerhalb des Projekts untersucht. Ausgehend von dessen Begriff des kollektiven Empfindens soll die individuelle Sicht Ehrlichs auf „Exil und Domizil“ beleuchtet werden. Insbesondere ist zu klären, inwieweit Heimat (als Synonym für Berlin) und das zum Domizil werdende Exil (als Synonym für die Schweiz) in einer kognitiven Dissonanz stehen.

Die Arbeit wendet sich schließlich folgenden Fragen zu: Inwiefern rezipierte Ernst Ludwig Ehrlich als Schüler das geistig kulturelle Erbe des modernen deutschen Judentums? Inwieweit transformierte er diese Tradition in sein Denken? Welche Hypothesen ergeben sich daraus für das Gesamtbild seines Lebenswerkes, das sowohl jene Tradition, seine eigenen Erfahrungen mit der grausamen Realität des Nazi-Terrors, als auch sein Eintreten für das Gespräch zwischen Juden und Christen umfasst?

Das Dissertationsvorhaben will einen Beitrag zur jüdischen Geschichte Berlins leisten, die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität des deutschen Judentums analysieren sowie die theologische Begründung für den jüdisch-christlichen Dialog diskutieren.

Das Lebenswerk Ehrlichs – ein Modell, in dem sich Verantwortung und Versöhnung verschränken – hat bis heute seine Dringlichkeit nicht verloren. Ort jener Verschränkung ist der Dialog, der gegenseitige Austausch unter den Religionen.