Warum jüdische Studien?

Prof. Dr. Susannah Heschel
Dartmouth College, Wissenschaftskolleg 30. Mai 2012

 

Heute Abend ist ein besonderer Moment in der Geschichte Deutschlands und der deutschen Wissenschaft. Und auch für die jüdische Geschichte ist dieser Anlass von großer Bedeutung. Die Gründung des Zentrums Jüdische Studien Berlin‐Brandenburg hier in Berlin bildet den Höhepunkt nach zweihundert Jahren Bemühungen, einen Fachbereich für Jüdische Studien an einer deutschen Universität einzurichten. Diesen außerordentlichen Anlass wollen wir heute Abend hier feiern.

Jüdische Studien nahmen hier in Berlin im Jahr 1821 ihren Anfang. Eine kleine Gruppe junger jüdischen Männer, darunter Leopold Zunz, Eduard Gans, Isaac Jost und Heinrich Heine, nannten sich „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ und trafen sich regelmäßig zur Entwicklung einer historischen Annäherung an ihre jüdische Identität.

In den folgenden Jahrzehnten sammelten Gelehrte die Daten, aus denen sich jüdische Geschichte rekonstruieren ließ. Sie trugen Texte aus allen Epochen und Orten und über alle Phasen jüdischen Lebens zusammen – von Gebetsbüchern bis zu Geschäftsverträgen und mathematischen Formeln. Für Leopold Zunz war dies alles jüdische Literatur. Die jüdische Erfahrung wurde zunächst historisch untersucht, aber es ging auch um die Auswirkung des Judentums auf die Weltgeschichte. Die Wissenschaft des Judentums verwandelte den Blick auf das europäische Judentum: Aus einem marginalen und unbedeutenden Zweig westlicher Zivilisation wurde eine wichtige Säule. Durch das Judentum, so argumentierten diese jüdischen Gelehrten, entstand der Monotheismus, die Religion im eigentlichen Sinne, das Judentum gab so einen Anstoß für die Moderne.

Johannes Reuchlin hatte schon im 16. Jahrhundert das Studium der hebräischen Bibel, des Talmud und Midrasch sowie der Kabbalah ins Zentrum humanistischer Ausbildung gerückt. Trotz seiner Bemühungen gab es weder eine Professur für Jüdische Geschichte und Theologie noch jüdische Professoren an deutschen Universitäten.

Um als Jude zu leben, ist es unerlässlich, Hebräisch zu sprechen, jüdisches Recht und jüdische Gebete sowie die Torah zu kennen. Jüdische Gemeinden verehren Bildung und Wissen. Deutsche Juden leisteten herausragende Beiträge zu praktisch allen Bereichen der deutschen Wissenschaften. Ihre Errungenschaften in der Physik, der Medizin und der Chemie stehen ihren Durchbrüchen in der Literatur, Geschichte, Philologie und den Sozialwissenschaften in nichts nach. Im Bereich der Kulturwissenschaften etablierten sie auch die Islamistik als Forschungsfeld.

1836 forderte der junge jüdische Historiker Abraham Geiger als Erster die Gründung einer jüdischen theologischen Fakultät an einer deutschen Universität. Geiger schrieb: „Das innerste Lebensmoment, der tiefste Gehalt aller wahrhaft geistigen Bewegung ist die Wissenschaft; wo sie mit ihrer eindringenden Kraft sich hinwendet, da wird es licht und helle; und aus der rohen Masse wird eine übersichtlich klare Zusammenfügung verschiedener Teile, die sie uns wiederum als ein wohl geordnetes Ganzes überliefert.“ Für Geiger waren die Jüdischen Studien ein integratives Projekt. So ist ein Verstehen des Christentums erst wirklich möglich, wenn man das Frühjudentum kennt.

Erst 26 Jahre alt, hatte Geiger zu diesem Zeitpunkt bereits eine grundlegende Untersuchung textlicher und geistlicher Parallelen zwischen Talmud und Midrasch und dem Koran verfasst. Später hat Geiger auch gezeigt, wie jüdisch die Lehren Jesu waren; Jesus war ein Rabbiner seiner Zeit, einer der fortschrittlichen Pharisäer, die sich um die Schaffung eines liberalen Judentums bemühten.

Die Wissenschaft des Judentums bot auch die Grundlage für viele unterschiedliche Formen moderner jüdischer Identität: das sogenannte kulturelle Judentum, das Reformjudentum, die Assimilation, den Zionismus und sogar das orthodoxe Judentum. Vor allem aber machte die Wissenschaft des Judentums viele Juden stolz auf ihre Identität. Deutschland war das Land in dem Jüdische Studien aufblühten. Nicht der Fortschritt, sondern die Kritik ist laut dem Dichter Octavio Paz „die bestimmende Eigenschaft der Moderne […] Das Neue wird über und gegen das Alte gestellt, und es ist dieser ständige Gegensatz, der die Kontinuität der Tradition darstellt.“ Kritisches Denken ist es, was die Wissenschaft faszinierend macht. Die Judaistik nahm ihren Anfang im Deutschland des 19. Jahrhunderts als ein Forschungsgebiet, das „gegen den Strich“ ging, Grundannahmen und Schlüsse immer wieder in Frage stellte und so die intellektuelle Erfahrung intensivierte.

In den 1840er Jahren startete Ludwig Philippson, Herausgeber der Allgemeine Zeitung des Judentums, einen Spendenaufruf, um einen Lehrstuhl für Jüdische Theologie an einer deutschen Universität einzurichten. Als 1848 die notwendigen Mittel zusammengekommen waren, wandte sich Leopold Zunz an das preußische Kultusministerium und bat um die Einrichtung eines Lehrstuhls an der Berliner Universität. Sein Antrag wurde auf Betreiben von Leopold von Ranke abgelehnt. Ranke schrieb, dass die Wissenschaft des Judentums an einer christlichen Universität nichts zu suchen habe: „Eine derartige Professur, die diese fremden jüdischen Gesetze und Bräuche unterstützen und stärken würde, wäre ein Missbrauch der Universität.“

Als Konsequenz dieser missglückten Bestrebungen wurde die Wissenschaft des Judentums an Rabbinerschulen in Berlin, Breslau, Budapest, Paris und andernorts institutionalisiert. Aber eigentlich ging es der Wissenschaft des Judentums nicht nur um die Rabbinerausbildung. Es gab Protest. Als 1872 in Berlin die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gegründet wurden, weigerten sich Leopold Zunz und Moritz Steinschneider, zwei der bedeutendsten deutschen Judaistik‐Gelehrten des 19. Jahrhunderts, an der Eröffnung teilzunehmen. Für sie waren die Rabbinerseminare, trotz ihrer wichtigen Beiträge zur jüdischen Theologie, nicht der richtige Ort für die Wissenschaft des Judentums. Diese Anbindung, so sagten sie, verstärke die Isolation und den intellektuellen Provinzialismus von Studenten und Lehrkräften.

In den folgenden Jahrzehnten erfuhr die Judaistik Unterstützung von den protestantischen Theologen Martin Rade und Max Loehr. Rade schrieb 1911, dass es die Verantwortung der Christen sei, die Kluft zwischen Deutschtum und Judentum zu schließen: „Lernt das Fach, bevor Ihr urteilt und handelt!“ Eine ähnliche Richtung schlug der Königsberger Alttestamentler Max Loehr ein, als er 1914 das preußische Kultusministerium bat, einen Lehrstuhl für die Wissenschaft des Judentums einzurichten. Die Professur sollte nicht nur dazu dienen, die rabbinische Judaistik als Grundlage für das Urchristentum zu erforschen, sondern auch das Judentum als zeitgenössisches Phänomen zu untersuchen.

Bis zum Anfang des Ersten Weltkrieges erfüllten sich diese Hoffnungen nicht. Und auch in der Weimarer Republik wurden lediglich vereinzelte Dozenturen für Jüdische Studien in Breslau, Frankfurt, Gießen, Marburg, und Leipzig eingerichtet. Alle diese Dozenten wurden nach der Machtergreifung der Nazis 1933 entlassen. Während des Dritten Reiches haben sich einige Professoren und Dozenten, die als Experten für Judaistik angesehen wurden, freiwillig für abscheuliche antisemitische Propaganda hergegeben. Ich erwähne zum Beispiel Gerhard Kittel, Karl Georg Kuhn, Georg Bertram, Paul Fiebig, Viktor Christian.

Wie wir wissen, wurden einige der wichtigsten jüdischen Wissenschaftler Europas umgebracht. Andere sind geflohen und haben ihre Forschung in Israel, den Vereinigten Staaten und Großbritannien weiter verfolgt. Sie bewahrten ihre Hingabe zur Wissenschaft und die philologischen Methoden ihrer deutschen Ausbildung und gaben sie weiter an die nächste Generation von Studenten. Ich bin dankbar, einige dieser deutsch‐jüdischen Gelehrten gekannt zu haben – Guido Kisch, Alexander Guttmann, Herbert Strauss, Nahum Glatzer, Jacob Katz, Alexander Altmann, Hanoch Albeck, Rachel Wischnitzer, Erich Werner, Samuel Atlas, Franz Rosenthal, Fritz Bamberger, Max und Uriel Weinreich; die Erinnerung an sie ist heute Abend bei mir.

Als mein Vater 1927 als Student von Warschau nach Berlin kam, hatte er den Eindruck, in das intellektuelle Zentrum des Universums zu kommen. Aus einer chassidischen Gelehrtenfamilie stammend, war er der Ansicht, dass das religiöse Judentum etwas zur Wissenschaft beitragen könne und dass seine Professoren nicht wirklich die religiöse Erfahrung und die Spiritualität verstanden, die den jüdischen Texten zugrunde lag. Mein Vater hoffte, Professor für Jüdische Studien an einer deutschen Universität zu werden. Aber als er seine Dissertation abschloss, war es Dezember 1932. Seine Zukunft in Deutschland war zu einem Ende gekommen. Glücklicherweise wurde er wie ein Brand aus dem lodernden Feuer Europas herausgerissen. 1940 landete er in den Vereinigten Staaten, wo er zu einem der wichtigsten jüdischen Theologen und Gelehrten des 20. Jahrhunderts wurde. Ich bin ihm dankbar, dass er mir von den großen deutschen Gelehrten der Wissenschaft des Judentums erzählt hat.

In den letzten dreißig Jahren ist eine neue Generation von Wissenschaftlern herangewachsen und mit ihnen auch ein neues Feld „Jüdische Studien“. Erneut ist Deutschland zu einem Zentrum für dieses Fachgebiet geworden – neben den USA, Großbritannien, Frankreich und Israel. Rankes Vorurteil, dass die Universität kein geeigneter Platz wäre, um Jüdische Studien zu betreiben, fand seine Entsprechung auch in den USA. Auch dort glaubten viele, dass die Wissenschaft ein christliches Unternehmen sei. Dementsprechend marginalisiert waren die wenigen Professoren für Jüdischen Studien, die es an den amerikanischen Universitäten des 20. Jahrhunderts gab. Erst in den 1980er Jahren, mit dem Auftauchen des Paradigmas der Identitätsstudien, so z.B. der African‐American Studies und Women’s Studies, begann sich ein Ort für Jüdische Studien an der amerikanischen Universitäten zu öffnen.

Heute muss sich das Zentrum Jüdische Studien Berlin‐Brandenburg die Frage stellen, mit welchem Ansatz es seinem Forschungsgegenstand begegnen will. Als Zusammenschluss von vier großen Universitäten wird es nicht an Möglichkeiten fehlen, die meisten wichtigen Perioden jüdischer Geschichte und die Vielfalt jüdischer Texte zu behandeln. Sie werden es Ihren Studierenden ermöglichen, Hebräisch und die wichtigsten anderen Sprachformen jüdischen Ausdrucks zu lernen.

Jüdische Studien bedeuten Forschung in zwei Richtungen: Erstens gilt es festzustellen, wie Juden über die Jahrhunderte ihre eigene Geschichte, Theologie und Kultur verstanden. Das setzt eine gute Kenntnis der kanonischen Texte wie auch jüdischer Gesetze voraus – mit ihren Feiertagen, ihrer Ritualpraxis und ihrem Familienleben. Zweitens sind wir als Historiker aber nicht auf die kanonischen Texte beschränkt. Wir müssen auch die Dokumente jener Juden untersuchen, die vom Mainstream abwichen – ob als Häretiker oder als Begründer neuer Bewegungen, etwa des Zionismus oder der modernen Orthodoxie. Einige der interessantesten jüdischen Texte wurden von Juden über zwei Jahrtausende nicht gelesen, wohl aber von den Christen bewahrt – darunter die Schriften von Philo und Josephus, die Pseudepigrapha und das Neue Testament.

Jüdische Studien erfordern, dass wir nicht nur die Geschichte der Juden, sondern auch die Geschichte der Bilder von Juden, der imaginierten Juden im westlichen Diskurs untersuchen. In Heidegger und ‚die Juden‘ schreibt Jean‐Francois Lyotard, dass „die Juden sich dem westlichen Willen nach Herrschaft und Kontrolle entziehen. Die Juden [als rhetorische Figur] erinnern Europa ständig an seine Grenzen.“ So wie feministische Studien nicht nur etwas über Frauen, sondern auch über Männer und die soziale Konstruktion von Geschlecht sagen, geht es auch in der Judaistik um Christen, Muslime und sogar um erklärte Atheisten. Jüdische Studien waren und sind ein Ferment intellektueller Innovation, das Enzym, das unsere konventionellen Annahmen zerfallen lässt, um den Weg zu neuen Erkenntnissen zu öffnen.

Vom 19. Jahrhundert kann man aber lernen, dass Jüdische Studien sich nicht nur auf sich selbst beschränken sollten. Im Gegenteil: die Rezeption und der Austausch zwischen den Disziplinen waren die vitalsten wissenschaftlichsten Elemente. Abraham Geiger etwa hat die wissenschaftlichen Methoden der Tübinger Schule der neutestamentlichen Forschung rezipiert, um die jüdische Geschichte der Antike zu analysieren. Von Geiger hat Ignaz Goldziher diese Methoden aufgenommen, um die Hadith des Islam zu interpretieren. Es ist zu hoffen, dass sich aus dem Geist der Kooperation neue Forschungsprojekte entwickeln werden, so dass wir bald nach Berlin schauen werden, um neue Entdeckungen und ungewohnte Interpretationen zu sehen.

Jüdische Studien nehmen in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselstellung in den Widersprüchen aktueller Diskurse ein. Juden entsprechen gängigen Paradigmen und widersprechen ihnen. Juden sind durch die Shoah die Opfer schlechthin in Europa und sie haben große wirtschaftliche und intellektuelle Erfolge erzielt. Juden haben sich äußerst erfolgreich assimiliert und sie blieben Zielscheibe des Antisemitismus. Juden wurden in Europa kolonialisiert und sie waren europäische Kolonialherren. Sie sind ein Beispiel für Antonio Negris globales ontologisches Imperium und für das absolute, globale „Andere“. Sie sind Gegenstand von Edward Saids Diskurs des europäischen Orientalismus und gleichzeitig die Begründer der europäischen Islamwissenschaften.

Damit wird das Studium jüdischer Geschichte zur Quelle akademischen Unbehagens. Die jüdische Geschichte ist von den bestehenden Kategorien sowohl erfassbar als auch nicht zu greifen, seien es Konzepte des Wandels nationaler Identitäten durch Migration, Theorien der Diaspora und der Globalisierung, Diskurse über Minderheiten oder Untersuchungen zu Kolonialismus und Postkolonialismus. Heute ist ein großer Teil der Weltbevölkerung von transnationaler Migration betroffen, ethnische, religiöse und Geschlechteridentitäten werden in Frage gestellt. Das Studium der Blüte jüdischen Lebens in der Diaspora ist hier von wachsender Relevanz.

Die Komplexität des Jüdischseins und die vielen unterschiedlichen theoretischen Bezugsrahmen machen das Fachgebiet faszinierend. In einer demokratischen Gesellschaft und als Teil einer multikulturellen Universität kann die Judaistik apologetische Interessen und spezielle politische Prägungen hinter sich lassen und herausragende kritische Einsichten erlangen. Aber es gibt auch Konfliktpotential. Den Universitäten wird Führungsstärke abverlangt, um den demokratischen Charakter unserer Forschung zu bewahren und akademische Freiheit zu garantieren. Vorurteile, Stereotypen, politische Interessen und religiöse Polemiken sind hier ebenso wenig am Platz wie die finanzielle Unterstützung von Interessengruppen, die eigene Ziele verfolgen.

Wir, die wir heute Abend zusammengekommen sind, hegen große Erwartungen. Ein einzigartiger Fachbereich für Jüdische Studien, ein außerordentlich viel versprechendes Projekt nimmt hier in Berlin Gestalt an – in einer Stadt, die sich wieder zu einem intellektuellen Zentrum entwickelt hat, in dem Kultur, Geist und Kunst aufeinander treffen. Heute, wie in den 1920er Jahren, ist Berlin ein Brennpunkt für Kreativität und intellektuellen Wandel, Berlin ist wieder einer der interessantesten Orte der Welt, um Jude zu sein.

Hier in Berlin werden Sie das gesamte Forschungsgebiet transformieren und einen Studiengang Jüdische Studien entwickeln, der mit der Erforschung europäischer, orientalischer, nordafrikanischer und asiatischer Kulturen verwoben ist. Ein Studiengang, der an der Schnittstelle steht, an der die verschiedenen Strömungen kritischer Betrachtungen zusammenfließen. Dabei haben Sie Verbindungen zu den vielen großartigen Projekten der Judaistik, die derzeit in Europa, Israel und den USA bestehen. Judaisten aus aller Welt werden in ihrer Suche nach theoretischen und kritischen Instrumenten und nach Erkenntnissen über die Conditio Humana vereint sein; denn sie beschreiben, in Abraham Geigers Worten: „die geistige Bewegung, welche Juden und Judentum in die Menschheit gebracht haben.“ Gemeinsam werden wir die Einsicht finden, mit der wir den komplexen Problemen unserer multikulturellen Zukunft begegnen können.

Vielen Dank.